"Weihnachten war von Anfang an anders"

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Wohltäterinnen und Wohltäter!

Weihnachten war von Anfang an anders. Dieser Satz gilt für mich persönlich in diesem Jahr in besonderer Weise. Ein gesundheitlicher Einbruch hat von Mitte November bis Mitte Dezember meine persönlichen Abläufe für fast einen Monat lahmgelegt. Ein guter Anlass, um innezuhalten und sich zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Wo sind Kurskorrekturen angesagt? Was will ich in Zukunft anders machen? Gottseidank geht es mir wieder besser, und ich kann in Dankbarkeit diesen Weihnachtsbrief schreiben.

Weihnachten war von Anfang an anders. Was für ein treffendes Motto - nicht nur für mich persönlich, sondern auch für das Corona-Jahr 2020! Vermutlich wird dieses Jahr einmal als ein Jahr der globalen Verunsicherung in die Geschichte eingehen. Mehrfach mussten wir in diesem Jahr das Gewohnte unterbrechen und erfahren, dass vieles nicht mal eben so weitergehen konnte wie vorher.

Haben diese Erfahrungen etwas mit uns gemacht? Haben sie eine Resonanz in uns hervorgerufen? Vielleicht kann uns das zu Ende gehende Jahr lehren, dass in der Tat vieles nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Vielleicht steht wirklich eine umfassende Neubesinnung an: in der Welt, in den europäischen Gesellschaften, in der Kirche - wie auch in den Orden und in der Deutschen Kapuzinerprovinz.

In seinem soeben veröffentlichten Buch Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise schreibt Papst Franziskus: „Die Corona-Krise hat die großen gesellschaftlichen Probleme wie ein Brennglas verdeutlicht. Ich sehe diese Zeit als eine Stunde der Wahrheit. In eine Krise zu geraten bedeutet, gesiebt zu werden. Die eigenen Kategorien und Denkweisen werden erschüttert, deine Prioritäten und dein Lebensstil werden herausgefordert. Wir erleben eine Zeit der Prüfung. In den Prüfungen des Lebens offenbarst du dein eigenes Herz: wie stabil es ist, wie barmherzig, wie groß oder wie klein. Wenn du in einer Krise bist, musst du wählen. Und in deiner Wahl zeigst du dein Herz. Daher bietet die Pandemie die Chance, unsere Lebensweise zu überprüfen. Nutzen wir dazu die kommenden Jahre!"

Vor dem Hintergrund dieses päpstlichen Aufrufs ist es vielleicht nicht unbedeutend, dass es im kommenden Jahr 800 Jahre her sein wird, dass sich die ersten Minderbrüder in Deutschland niederließen. Am 16. Oktober 1221 hielten 31 Brüder des hl. Franziskus in Augsburg ein provisorisches Ordenskapitel und verteilten sich dann von dort aus auf die deutschen Lande. Das war der Beginn einer großen franziskanischen Bewegung in unserem Land. Wo würden wir uns heute niederlassen, wenn wir noch einmal neu in dieses Land kämen? Welchen Aufgaben und Herausforderungen würden wir uns stellen - gerade jetzt in dieser bewegten Zeit? Vielleicht kann uns diese Frage für das kommende Jahr inspirieren, wenn wir das Jubiläum "800 Minderbrüder in Deutschland" feiern.

Bevor wir ins neue Jahr aufbrechen, dürfen wir aber noch einmal kurz innehalten und zurückschauen. Trotz des Corona-Stillstands liegt eine bewegte Zeit hinter uns. Mitten in der Corona-Zeit haben wir zwei Brüder zu missionarischen Diensten ausgesandt, nach Albanien und nach Spanien. Wir durften drei neue Novizen einkleiden sowie Einfache Profess und Priesterweihe feiern. Wir haben uns "vermehrt", indem die 44 niederländischen Brüder der Deutschen Kapuzinerprovinz als Delegation zugeordnet wurden - verbunden mit der Ermutigung des Generalministers, in den Niederlanden nach Möglichkeiten eines Neubeginns und Neuaufbruchs zu suchen.

Im Rückblick auf 2020 wollen wir auch unserer Verstorbenen gedenken. Die Brüder Gotthard Veith, Raphael Oberle, Ulrich Veh, Flavian Ascher und Martin M. Bauer haben in diesem Jahr ihr Leben in die Hände des Schöpfers zurückgelegt. Knapp 60 Brüder des Ordens sind weltweit an oder mit Covid19 gestorben - unter ihnen Theophil Odenthal, Barnabas Winkler und Bischof Anicetus B. Sinaga in Indonesien. Für unsere Verstorbenen wollen in den letzten Tagen des alten Jahres noch einmal besonders beten.

Liebe Schwestern und Brüder, das diesjährige Weihnachtsfest wird aufgrund der Corona-Regeln anders als sonst. Vielleicht wird es stiller und einfacher. Vielleicht wird es konzentrierter und existentieller. Aber wie heißt es so treffend auf der von Provinzvikar Br. Helmut Rakowski entworfenen Weihnachtskarte: Weihnachten war von Anfang an anders. Das dürfen wir uns mit allem, was die Welt im Augenblick beschäftigt, in Erinnerung rufen.

In diesem Sinne grüße ich Sie und euch alle ganz herzlich. Ich möchte denen danken, die mit uns in besonderer Weise verbunden sind: den verschiedenen Schwesterngemeinschaften und Stiftungen, mit denen wir zusammenarbeiten; den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie allen Wohltäterinnen und Wohltätern. Auch euch möchte ich danken, liebe Mitbrüder, für euer Lebenszeugnis und euren Einsatz. Mein Dank gilt den Alten und den Jungen, den Gesunden und den Kranken - und nicht zuletzt denen, die auf einer unserer Pflegestationen leben und uns durch ihre Anteilnahme und ihr Gebet unterstützen.

Ihnen und euch allen wünsche ich ein gnadenreiches und friedvolles Fest der Menschwerdung Gottes und ein gesegnetes Neues Jahr 2021.

Br. Christophorus Goedereis,
Provinzialminister der Deutschen Kapuzinerprovinz