Corona und die Einsamkeit: „Momente der Ohnmacht und der Bedrängung“

Die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie macht einsam. Kontaktbeschränkungen und Abstand widersprechen der natürlichen Sehnsucht nach räumlicher Nähe, die rein digital nicht gestillt werden kann. Wie man diese schwierige Lage durchstehen kann und warum man Gott durchaus die eigene Not dieser Tage hinhalten kann, kommentiert der Kapuziner Stefan Maria Huppertz aus Frankfurt am Main. 

Foto: Kiên Hoàng Lê

Eine kurze nette Begegnung im Café. Ein freundliches Wort im Treppenhaus.

Diese Kleinigkeiten sind es, die alleinlebenden Menschen nicht selten ein großes Plus an Lebensqualität verleihen. Gerade für Menschen mit nur wenigen sozialen Kontakten ist es also ein großes und schmerzhaftes Problem, dass es durch die Beschränkungen in der Corona-Pandemie eine Reduzierung dieser Kontakte gibt.

„Homo homini lupus“: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Was der römische Dichter Plautus um das Jahr 200 v. Chr. schrieb und der englische Staatsphilosoph Hobbes 1642 auf das Verhältnis von Staaten zueinander anwandte, das wurde 2020 für viele Menschen in Deutschland, Europa und der ganzen Welt zu einer neuen, ungewohnten, beängstigenden Gewissheit: Vom Menschen kann eine reale Gefahr für andere Menschen ausgehen. Menschen können mir – völlig ohne böse Absicht – zur Gefahr werden. Und ich ihnen. Der Abstand zwischen „Abstand halten“ und „im Abseits stehen“ ist für manche Menschen, nicht nur für Ältere, ein Drahtseilakt geworden.

Da gibt es einerseits die kluge Vorsicht, die zum Abstandhalten mahnt. Die sagt, dass es vielleicht klüger und angemessen ist, die alten Eltern und Großeltern im Advent lieber nicht zu besuchen. Von Weihnachten wollen wir noch gar nicht sprechen. Andererseits gibt es die natürliche Sehnsucht nach räumlicher Nähe zu lieben Menschen, die rein digital nicht gestillt werden kann. Und bei der die Bilanzierung von Nutzen, Schaden, Chancen und Gefahren zu einem anderen Ergebnis kommt und die Vorsichtsmaßnahmen für unverhältnismäßig erklärt.

Von allen Fragen der Motivation völlig unberührt bleibt die Tatsache, dass die Einsamkeit in dieser Pandemie zugenommen hat. Jene Einsamkeit, die sich nicht nur ungesund anfühlt, sondern tatsächlich für Leib und Seele ungesund ist. Ein echter Wolf im übertragenen Sinn, der da heranwächst. Der Wolf würde jedoch nicht ungefährlicher werden, wenn die Gefahr ignoriert wird. Ein klassisches Dilemma.

Hier nun mit allzu klugen oder frommen Phrasen aufzuwarten und vertrösten zu wollen, würde die Not der vielen Menschen nicht ernstnehmen, würde keiner Fragestellung und keinem Antwortversuch gerecht werden. Vielleicht ist das schlicht mit dem Ausdruck des Bedauerns zur Kenntnis zu nehmen. Vielleicht muss anerkannt und ausgehalten werden, dass diese Monate nicht nur wirtschaftlich für viele katastrophal sind. Die emotionale Katastrophe ist gleichermaßen schwer und wird nach der Krise gleichermaßen Zeit und Aufmerksamkeit benötigen, um Schäden wieder zu glätten, um Heilung zu ermöglichen.

Ob die Zeit alle Wunden heilt, bleibt abzuwarten. Abzuwarten und zu hoffen. Wohlmöglich auch zu erbeten. Das alte Testament kennt die Klagepsalmen: Momente der Ohnmacht und der Bedrängung werden Gott hingehalten. Nicht gleich mit der Hoffnung verbunden, dass dieser schnell eingreift und Rettung verschafft. Das könnte für manche Momente das Gebet der Stunde sein: Klagen. Gott die eigene Not und die Not dieser Tage hinhalten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Bruder Stefan Maria Huppertz (Jahrgang 1977) ist seit 2002 Kapuziner und verantwortet als Rektor die Seelsorge an der Frankfurter Liebfrauenkirche

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