"Ich möchte Christus in die Mitte meines Lebens stellen"

Bruder Julian Pfeiffer ist seit etwa einem halben Jahr im Noviziat, der Ausbildung zum Kapuziner. Diese findet im italienischen Camerino statt. Was den jungen Ordensmann vor Ort beschäftigt, warum er sich für ein Leben im Orden entschieden hat und wie Corona das Leben in Camerino prägt, berichtet er im Gespräch mit kapuziner.de.

Bruder Julian wurde 1999 in Weingarten geboren und trat 2019 ins Postulat ein.

Bruder Julian, wie geht es Ihnen zurzeit in Camerino?

Mir geht es gut, ich fühle mich wohl. Nach nun fast fünf Monaten bin ich hier gut angekommen und bin froh, in Camerino zu sein.  

Haben Sie sich Ihr Leben dort so vorgestellt, als Sie ins Noviziat eingetreten sind?

Ich erinnere mich gut, als wir das erste Mal, noch am Ende des Postulats, unsere zukünftigen Novizenmeister getroffen haben. Da war ich schon aufgeregt, angespannt und hatte viele Vorstellungen im Kopf. Vor diesem Jahr hatte ich einen großen Respekt. Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, wie ich mit den Regeln hier vor Ort zurechtkomme.  Heute kann ich sagen: Ich bin im Moment sehr froh, dass es hier so ist, wie es ist.

Was gefällt Ihnen?

Ich habe Zeit in diesem Jahr, mich voll und ganz auf Christus zu konzentrieren. Es rennt mir nichts davon, das tut gut.   

Was fällt Ihnen schwer?

Da fällt mir das Essen ein (lacht). Jeden Tag gibt es zum Mittagessen zum ersten Gang Pasta. Das war am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Ein zweiter Punkt: Während der Stundenliturgie werden die Hymnen gesungen und auch mehr Psalmen als ich es von meinem ersten Konvent her gewohnt war.  Da ich nicht der größte Sänger bin, ist das für mich immer eine Herausforderung, wenn ich mal wieder dran bin mit Anstimmen.

Wie klappt es mit dem Italienisch?

Wir haben uns in Deutschland und auf Sardinien lange und intensiv auf die Sprache vorbereitet. Im Konvent kann ich mich im Normalfall gut verständigen und im Unterricht verstehe ich so gut wie alles. Wenn es aber zum Arzt geht, dann merke ich schon, dass mein Wortschatz auf theologische Themen begrenzt ist und in manchen Feldern noch ausbaufähig ist.

Wie geht es Ihren zwei Mit-Novizen aus Deutschland, die auch in Camerino sind?

Im Schwäbischen würde ich jetzt sagen: Die sind gsund und gfräs.  Das heißt so viel wie: Die beiden sind fit und munter, mir sind zumindest keine Klagen zu Ohren gekommen.  

Was ist anders im italienischen Kloster als in deutschen Konventen?

Das ist erstmal nicht viel, denn im Großen und Ganzen sind wir ja ein und derselbe Orden. Wie schon erwähnt, singen die italienische Brüder mehr als ich es aus Deutschland kenne. Das Essen hat einen höheren sozialen Stellenwert. Während wir uns in Münster nach dem Abendessen zur Rekreation zusammengesetzt haben und über Gott und die Welt gesprochen haben, geschieht dies in Italien beim Abendessen, das auch erst um kurz vor acht beginnt.

Wie verändert Corona Ihr Leben vor Ort?

Ich würde es so formulieren: Wir leben hier eher wie ein monastisch-klausurierter Mönchsorden als wie franziskanische Wanderbrüder. Unsere Besuche nach außen, wie zum Beispiel nach Loreto oder zu anderen Kapuzinerklöstern in der Gegend, fallen weg, auch der wöchentliche Besuch im Altenheim. Im Konvent ist es recht still geworden, da die Ehrenamtlichen nicht mehr kommen können. Wir machen das Beste draus. Und die Ruhe schadet insbesondere im Noviziat ja auch gar nicht – im Gegenteil.   

Wann haben Sie sich entschieden, ins Noviziat einzutreten – und warum?

Das waren zwei Entscheidungen. Vor dem Postulat, ob ich Ordensmann werden möchte. Und dann, ob die Kapuziner die richtige Gemeinschaft sind. Im Postulat hatte ich Zeit, um den Orden und die Provinz kennenzulernen. So  konnte der Wunsch, Kapuziner zu werden, reifen und wachsen. Aus diesem Wunsch heraus kam dann die Entscheidung, ins Noviziat zu gehen.

Zweifeln Sie manchmal an dieser Entscheidung?

Im Postulat habe ich lange gerungen, was meine Berufung ist und ob Gott mich bei den Kapuzinern sehen möchte. Mit hundertprozentiger Sicherheit kann ich nicht sagen, worin meine Berufung liegt. Zweifel werden immer bleiben. Im Moment aber kann ich mich gut mit Gott auf den Weg machen. Was die Zukunft bringt, werde ich sehen.

Was bedeutet für Sie „Berufung zum Ordensleben“?

Es ist ein Ruf des Heiligen Geistes, so wie jede Berufung. Ein Ruf zur Liebe, zu Gott. Dieser Ruf wird bei mir konkret im gottgeweihten Leben im Orden. Das ist geprägt durch die drei evangelischen Räte: Gehorsam, Armut, Keuschheit. Und durch das spezielle Charisma unseres Ordens. So glaube ich, dass Gott mich gerufen hat, im Orden der Kapuziner Christus nachzufolgen. Die Berufung zum gottgeweihten Leben steht aber immer in Beziehung zu den vielen anderen Berufungen, die der Heilige Geist uns schenkt. So ist meine Berufung zur Nachfolge Christi im gottgeweihten Leben Zeichen für die Laien, wie auch die Laien mit ihrer Berufung Zeichen für mich sind. Denn nur gemeinsam können wir einen Leib der Kirche bilden. Nur gemeinsam können wir Zeichen füreinander sein und so voneinander lernen in unserer eigenen Berufung, um ganz Mensch zu werden und ganz zu lieben.

Was haben Sie sich für die Zeit in Camerino vorgenommen, gibt es ein Ziel?

Ich finde es schön, dass es erst einmal kein Ziel gibt und ich am Ende des Jahres nicht dastehen muss, wie ein fertiger, schon heiliger Kapuziner. Das würde nicht funktionieren. Es geht mir darum, immer mehr Christus in die Mitte meines Lebens zu stellen. Mein Leben auf ihn auszurichten. Mit jedem Gebet, mit jeder Meditation und mit jedem Hören auf das Wort Gottes wachse ich in der persönlichen Beziehung zu Gott. Nur aus dieser persönlichen Beziehung ist ein gottgeweihtes Leben möglich. Man vertieft die Beziehung jeden Tag, aber am Ende des Jahres heißt das nicht, dass ich an einem Ziel angelangt bin. Diese Beziehung beginnt in der Taufe und endet mit dem Tod. Es bleibt ein lebenslanges Ziel, welches ich hier im Noviziat vertieft leben kann und darf.

Bruder Julian, vielen Dank für das Gespräch!

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