Impuls: „Schwester Wasser“

Den Wasserhahn aufdrehen, und schon fließt das Wasser. Das ist nicht überall so. Der Tag des Wassers am 22. März regt an, über dieses wertvolle Element nachzudenken, dankbar zu sein und weniger zu verbrauchen. Bruder Leonhard Lehmann mit einem franziskanischen Impuls zum "Tag des Wassers", inspiriert durch den "Sonnengesang" von Franz von Assisi.

Eines der schönsten Lieder über die Harmonie des Kosmos ist der Sonnengesang. Er stammt von Franz von Assisi (1182-1226), dem Tuchhändlersohn, der auf sein Erbe verzichtet und ein Leben als Armer unter Armen begonnen hat. Er wollte dem Ruf Jesu an den reichen jungen Mann möglichst genau Folge leisten. So lebte er nach seinem Ausstieg aus der ständischen Ordnung als Tagelöhner und von Almosen, zog durch Städte und Dörfer, predigte Buße und versöhnte viele Menschen mit sich, mit Gott und dem Nächsten. Wenn er die Wunderwerke Gottes in der Natur betrachtete, wurde er ganz hingerissen und fing an zu singen. Doch anders, als man vermuten könnte, entstand der Sonnengesang nicht an einem schönen Frühlingstag, sondern in einer Nacht voller Bedrängnis. Franziskus wurde schon lange von vielen Krankheiten geplagt und seit seinem Aufenthalt beim Sultan von Ägypten 1219 war er fast blind. Dazu kamen Enttäuschungen; sein Orden glitt ihm aus den Händen; die Leitung hatte er schon 1221 abgegeben, fühlte sich aber noch verantwortlich. So lag er im Winter 1224/25 krank in einer Hütte bei San Damiano, wo er für Klara und ihre Schwestern ein Klösterchen hergerichtet hatte. Deren Nähe tat ihm gut. Als er in einer schlaflosen Nacht der Verzweiflung nahe war, erfuhr er die Hilfe Gottes und wurde der Verheißung gewiss: „Als Preis der Geduld in deiner Krankheit erwarte sicher dein Erbteil in meinem Reich.“ Damals dichtete er das Loblied auf die Geschöpfe und feuerte sie an, nach Kräften den Schöpfer zu loben.

Die Geschöpfe als Mitwirkende im Loben Gottes

Franziskus sieht sich als zu schwach und klein, um allein seinen Schöpfer zu loben, er will es mit allen Geschöpfen tun. Er sieht in ihnen Ebenbilder, die würdiger sind, Gott zu nennen, weil sie ihrer Anlage gemäß nach Gottes Willen handeln, während der Mensch oft seinen eigenen Willen durchsetzt. So wird denn auch nach den Strophen über die Gestirne und die vier Elemente Luft – Wasser – Feuer – Erde der Mensch nicht etwa wegen seiner Intelligenz, Muskelkraft und Herrschaft über die Natur ins Spiel gebracht, sondern wegen seiner Fähigkeit zu dulden, zu leiden und Frieden zu stiften. In der Herrschaft über sich selbst offenbart sich für Franziskus des Menschen Größe, Kraft und Herrlichkeit, für die es Gott zu loben gilt. Er spart auch den Tod nicht aus, den er „Schwester“ nennt. Wir sagen „Bruder Tod“. Überhaupt stimmen unsere Geschlechter nicht immer mit dem Italienischen überein: Die Sonne ist in den romanischen Sprachen männlich, der Mond weiblich. Die neueren Übersetzungen (Gotteslob Nr. 19,2) halten sich an das italienische Original. Dadurch wird auch der harmonische Wechsel von Bruder und Schwester deutlich. Der Kosmos ist nämlich nach drei Geschwisterpaaren geordnet. Dabei werden die kleineren Kreaturen wie jüngere Geschwister schützend in die Mitte genommen. Sie sind umfangen vom großen kosmischen Paar, dem Herrn Bruder Sonnenball und der Schwester Mutter Erde:

HERR Bruder Sonne und Schwester Mond,
Bruder Wind und Schwester Wasser,
Bruder Feuer und Schwester MUTTER Erde.

Die Schwierigkeit, den Geschlechterwechsel im Deutschen nachzuahmen, sollte nicht vergessen lassen, wie neu überhaupt die Art ist, die Geschöpfe als „Bruder“ bzw. „Schwester“ anzureden. Paulus nennt die Christen „Brüder“, und wir sind es heute gewohnt, als Schwestern und Brüder angesprochen zu werden. Franziskus geht darüber hinaus und nennt auch die Tiere („Bruder Wolf“), Blumen und Bäume, ja selbst die Krankheiten „Schwester“ und „Bruder“. Welch eine Versöhnung steckt hinter solcher Anrede! Welch universale Geschwisterlichkeit!

Wasser – nützlich und demütig

In den zehn Strophen des Sonnengesangs steht die Wasser-Strophe genau in der Mitte

Gelobt seist du, mein Herr,
für Schwester Wasser.
Sehr nützlich ist sie
und demütig und kostbar und keusch.

Wie auf Wind oft Regen folgt, so ruft im Sonnengesang das Bild von Bruder Wind jenes von Schwester Wasser wach. Sie gehören wie Geschwister zusammen. Der Wind führt in Wolken den Regen herbei. Er bringt auch Bewegung in die Wassermassen des Meeres, wühlt es auf, schlägt Wellen und Wogen.

Von sich aus sucht Wasser immer den untersten Platz, es läuft nie nach oben. Darum nennt Franziskus es „demütig“. Es ist für ihn und seine Gefährten ein Vorbild. Wie er, der einst Ritter werden wollte, zu den Aussätzigen hinabgestiegen ist, so sollen auch seine Gefährten in der Gesellschaft immer den unteren Platz aufsuchen. Elisabeth von Thüringen, die Königstochter von Ungarn, vollzog diese Karriere nach unten, als sie nach glücklicher Ehe mit dem Landgrafen Ludwig, der auf dem Kreuzzug 1227 starb, von der Wartburg herabstieg, in Eisenach Kranke pflegte und mit ihrem Erbe in Marburg ein Hospital bauen ließ, in dem sie ihre Kräfte im Dienst an Kranken so aufrieb, dass sie schon mit 24 Jahren im November 1231 starb.

Ein anderer Grund, Wasser mit Demut zu verbinden, ist ausdrücklich genannt: Es ist brauchbar und nützlich. Selbstlos dient es Mensch und Tier, Baum und Strauch. Anspruchslos hält es sich bereit, getrunken, gebraucht, verwendet und verschwendet zu werden. Es erfrischt und belebt, reinigt und klärt. Das Wunder des Wassers wandelt Wüste in fruchtbares Land.

Wasser – kostbar und keusch

Ein zweites Begriffspaar qualifiziert Schwester Wasser als „kostbar und keusch“. Dass es kostbar ist, versteht sich aus seinem vielfachen Nutzen. Wir merken sofort, wenn es fehlt. Menschen anderswo wissen um seine Kostbarkeit, weil ihnen Wasser fehlt oder weil sie es täglich am Brunnen holen müssen. Schon jetzt wird um Wasser gekämpft, und Wissenschaftler sagen uns, dass wir zu viel vergeuden; wir sollten sparsamer mit dem kostbaren Gut umgehen.

Weniger verständlich ist das Beiwort „keusch“. Kostbar ist natürlich nur das reine Wasser, verschmutztes haben wir genug. Was wir vor Jahren beklagten – saurer Regen, verseuchte Gewässer, stinkende Bäche – ist durch ökologische Initiativen der Bürger und die Umweltpolitik des Staates besser geworden, hält aber in vielen Erdteilen an. Da Franziskus das Wasser mit „Schwester“ anspricht, kann er sie vermenschlicht auch „keusch“ nennen, was an das Gelübde der Keuschheit erinnert, das Brüder und Schwestern ablegen, wenn sie in einen Orden eintreten. Klar und rein sollen sie sein, genießbar und transparent für die Güte Gottes wie klares Wasser.

Wasser – ein Geschenk des Himmels wird zum Problem

Ob es die Quelle ist, die aus der Tiefe des Berges kommt und Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr die Leben spendende Gabe schenkt, ob es der Bergbach ist, der sich seinen Weg durch Wälder und Wiesen erobert, oder der Strom, der große Schiffe trägt, oder die Weite des Meeres, in dem sich Fische tummeln: Wasser ist ein Geschenk. Dafür dankt der Sänger aus Assisi, indem er die Strophe beginnt mit: „Laudato si’, mi Signore, per sor‘ Aqua – gelobt seist Du, mein Herr, für Schwester Wasser“. Sein Gesang erklang durch alle Jahrhunderte in vielen Sprachen und hat ein tiefes Echo gefunden in der großen Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus (24. Mai 2015). Dort wird schon im I. Kapitel „Die Wasserfrage“ (Nr. 27-31) behandelt.

Die nun schon ein Jahr währende Pandemie Corona unterstreicht nur, was der Club of Rome seit 1970 anmahnt: dass die Ressourcen begrenzt sind und wir nicht weiter die Erde ausbeuten dürfen.

Wasser – Symbol für das Geheimnis des Menschen

Wie das Wasser aus unergründlichen Tiefen entspringt, sich zwischen Felsspalten zur Quelle formt, dann bergabwärts sich mit weiteren Rinnsalen vereint, zum Bach wird, zum Fluss, dann zum Strom, der ins weite Meer mündet, so kommt der Mensch aus unergründlicher Tiefe, lernt gehen, lernt in Beziehung treten, lernt nehmen und geben, trifft auf viele Geschöpfe, mit denen er das Leben geschwisterlich teilt, und mündet schließlich in Gott, dem All-Einen.

Wasser – Zeichen der Taufe

Wer ist mehr als die Christen dazu berufen, Wasser ehrfürchtig zu behandeln und dankbar zu sein für diese Gabe? Christen sind ja im Zeichen des Wassers und in der Kraft des Geistes zu Kindern des lebendigen Gottes geworden. Keine Taufe ohne Wasser! Darin sind sich alle Konfessionen einig. Wasser ist das Zeichen der Taufe, durch die ein Keim göttlichen Lebens eingepflanzt wird. Wer sie empfängt, bekommt eine Lebenskraft geschenkt, die sogar den Tod überdauert. Die Getauften tragen eine Hoffnung in sich, die das irdische Leben, alles Wachsen, Blühen und Gedeihen als Teil der Lebensfülle ansieht, zu der hin Christen unterwegs sind – durch Kreuz und Leid, ja durch das Tor des Todes hindurch, die zum Leben dieser Weltzeit gehören, aber nicht zum Leben des „neuen Himmels und der neuen Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“ (2 Petr 3,13; Offb 21,1).

Leonhard Lehmann

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