Interview zur Situation in Chile: „Nichts ist mehr, wie es war“

„Kirchen in Chile brennen“. So titelten vor einigen Tagen zahlreiche Zeitungen. Der Kapuziner Juan Bauer lebt seit 1974 in Chile, zurzeit in Pucón in der Región de la Araucanía. Im Interview berichtet der Priester über die aktuelle Lage nach dem Verfassungsreferendum im Oktober, die Corona-Pandemie und die soziale Spaltung im Land.

© Kapuziner

Bruder Juan, wie ist die Situation in Chile?

Die Unruhen, die so massiv im Oktober des letzten Jahres ausgebrochen sind, haben eine lange Geschichte. Da kommt sehr viel zusammen: Salvador Allende und das sozialistische Experiment, die viele Jahre andauernde, brutale Militärregierung unter General Augusto Pinochet und natürlich auch die Entwicklungen der letzten 30 Jahre der Re-Demokratisierung des Landes.

Chile ist tief gespalten.

Das Land hat in den letzten Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt wie nie zuvor in seiner Geschichte. Der Mehrheit der Chilenen geht es gut wie noch nie. Aber es ist in der Tat so: Das Land ist gespalten zwischen einigen wenigen sehr reichen Personen und einer Mehrheit, die um ihre Existenz hart ringen muss. Es gibt eine starke Unzufriedenheit, teils auch Wut, die jetzt durchbricht. Die Chilenen wollen die gewaltigen Unterschiede in der Gesellschaft nicht mehr hinnehmen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Studenten etwa protestieren schon seit Jahren gegen das Erziehungswesen, durch das die Ungleichheit zementiert wird. Auf der einen Seite stehen Jugendliche, die von vornherein unter den besten Bedingungen ins Leben starten. Sie haben alle Möglichkeiten, die besten Schulen und Universitäten zu besuchen und anschließend eine sichere, erfolgreiche Zukunft im Berufsleben vor sich. Auf der anderen Seite steht die große Mehrheit der Jugendlichen, die zwar auch studieren können, aber unter anderen und begrenzten Bedingungen starten. Sie erleben den riesigen sozialen Unterschied zu anderen Jugendlichen ständig und ganz konkret. Sie kommen aus anderen Stadtvierteln, besuchen andere Schulen, andere Universitäten – und haben in ihrer Freizeit andere Möglichkeiten als ihre Altersgenossen. Das wollen sie nicht mehr hinnehmen, denn sie wissen auch, dass Chile eigentlich ein reiches Land ist.

Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch.

Ja, das höre ich auch immer wieder, wenn mich Verwandte aus Deutschland besuchen. Sie stellen fest, dass die Lebensmittel hier zum Teil teurer sind als in Deutschland. Und es gibt noch viele andere Bereiche, die für Unmut sorgen: So sind etwa die Renten sehr niedrig. Davon zu leben ist kaum möglich. Leute, die ein ganzes Leben gearbeitet haben, verarmen in Alter. Vieles ist privatisiert: zum Beispiel die Strom- oder Wasserversorgung. Es gibt vielfältige Probleme, die die Ungleichheit zeigen und verstärken.

Die Proteste, die wir hier in Europa wahrnehmen, gehen auch mit Gewalt einher. Ist das die Mehrheit?

Die große Mehrzahl will friedlich protestieren. Es gibt viele Gruppen, die tanzen, machen Musik und drücken ihre Anliegen friedlich aus. Aber natürlich gibt es auch immer gewaltbereite Gruppen, die gewaltsam gegen die Polizei vorgehen, die ihrerseits auch gewalttätig reagiert. Und dann gibt es Gruppen, die es auf simplen Vandalismus, Zerstörung und Raub abgesehen haben. Der Widerstand gegen die Polizei hat im Land durchaus Geschichte: Schon in der Zeit Pinochets gab es den Spruch „Wir gehen uns mit den Polizisten anlegen“. Auf der anderen Seite ist die Polizei auf solch große Ausschreitungen gar nicht vorbereitet und auch nicht richtig ausgebildet.

Welche Rolle spielt die Kirche in diesem Konflikt?

Unsere Bischöfe sind ziemlich stumm. Zwar gibt es Erklärungen des Komitees der Bischofskonferenz und der Ordenskonferenz, die aber nicht in den öffentlichen Medien erscheinen. Das Fernsehen interessiert sich nicht dafür, wenn Bischöfe zum Frieden oder zur Gewaltlosigkeit aufrufen. Hingegen ist für Skandale in der Kirche immer viel Platz auf allen Kanälen. Dass beispielsweise ein Kapuziner von uns, der Erzbischof von Santiago, zum Kardinal ernannt wurde, war nur eine kurze Mitteilung wert. Die Kirche produziert zurzeit keine positiven Schlagzeilen.

Eine der Kirchen, die in Flammen aufgegangen ist, wurde von der Polizei, die wegen ihres brutalen Vorgehens in der Kritik steht, für Zeremonien genutzt.

Ja, das kann ich bestätigen. Eine der Kirchen, die bei den Protesten angezündet wurde, ist die offizielle Kirche der Polizei. Die Polizei und auch das Militär haben eigene Priester, die unter dem Militärbischof stehen. Das ist ein Erbe der Zeit Pinochets, als die Polizei zum Militär gehörte. Aber diese zwei Kirchen sind nicht die einzigen, vor einigen Jahren wurden zum Beispiel Kapellen hier im Süden verbrannt, in der Diözese von Villarrica. Aber das waren andere radikale Gruppen.

Haben oder hatten Sie manchmal Angst oder fühlen sich bedroht?

Ich war viele Jahre Pfarrer in Chile, in mehreren Städten, in denen wir Kapuziner gearbeitet haben. Der Herrgott meint es gut mit mir, ich fühle mich wohl und bin gesund. Ich durfte schöne, ausgefüllte Jahre leben. Es ist mir immer gut gegangen und ich habe nie Angst vor jemanden haben müssen.

Wie beurteilen Sie die Volksabstimmung im Oktober 2020 über die neue Verfassung? Ist das eine gute Perspektive für Chile?

Das Plebiszit von Ende Oktober wurde mit Spannung erwartet: Soll eine ganz neue Verfassung ausgearbeitet werden oder die aus der Zeit Pinochets überarbeitet werden? Und die zweite Frage: Soll diese Verfassung von Bürgern ausgearbeitet werden, die vom Volk gewählt werden – oder je zur Hälfte von gewählten Bürgern und Parlamentariern? Die Abstimmung verlief sehr ruhig, und trotz Corona konnten alle abstimmen. Das Ergebnis lautet: Es soll eine ganz neue Verfassung ausgearbeitet werden, durch demokratisch gewählte Personen. Zur Hälfte Männer und Frauen. Aus meiner Sicht ist es nun wichtig, wer diese Leute sein werden. Ich persönlich vertraue darauf, dass die Leute verantwortlich abstimmen werden. Und es gibt in Chile genug verantwortungsbewusste Leute, die eine gute Verfassung ausarbeiten können, die dem Land wieder Frieden und einen Weg in eine gerechtere Gesellschaft weisen kann.

Zum Abschluss: Wie ist eigentlich die Corona-Lage bei Ihnen vor Ort?

Die Pandemie hat – wie überall auf der Welt – auch in Chile dramatische Folgen. Nichts ist mehr, wie es war. Momentan steigen die Ansteckungsfälle in verschiedenen Regionen wieder stark an. Unsere Region, Araucanía, war lange Zeit nach Santiago die Region mit den meisten Infektionen.

Finden Gottesdienste statt?

In Pucón, wo ich lebe, haben wir zurzeit keine Gottesdienste mit Besuchern. Die Messe am Sonntag über Facebook und andere Medien wird in überraschend vielen Häusern als Hausgottesdienst mitgefeiert. An der Katechese für Erstkommunion und Firmung nimmt eine gute Anzahl von Kindern und Jugendlichen teil. Insgesamt muss man sagen: Die Pandemie hat eine große Hilfsbereitschaft geweckt. Es gibt verschiedene Gruppen religiöser und nicht-religiöser Art, die sich abstimmen in der Hilfe für arme Familien, Alleistehende und ältere Leute. Obwohl die Schulen geschlossen sind, wird da, wo es geht, online unterrichtet. Auch das Schulessen und das Material wird den Kindern nach Hause gebracht. Dennoch sind alle nervös, da unsere Stadt vom Tourismus lebt. Zurzeit ist alles wie ausgestorben, keine Restaurants und keine Geschäfte.

Bruder Juan, ich danke Ihnen für das Gespräch!

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