400. Todestag: Laurentius von Brindisi und seine Rolle für die Kapuziner in München

In München bewahren die Kapuziner in der Kirche St. Anton eine Herzreliquie des heiligen Kirchenlehrers Laurentius von Brindisi (Apulien) auf, der am 22. Juli 1619 gestorben ist. Der Ordensgeneral der Kapuziner war nicht nur ein berühmter Prediger, sondern auch ein erfolgreicher päpstlicher Diplomat. Als 1600 der Bayernherzog Maximilian I. die Kapuziner zur Verteidigung des katholischen Glaubens nach München holte, kam auch schon bald Laurentius nach Bayern.

Als päpstlicher Delegat war er zwischen Rom, Prag und Madrid mit Zwischenaufenthalten in München unterwegs, um mit Kaiser, Königen, Kurfürsten und Bischöfen in der spannungsreichen Zeit im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges als „ehrlicher Makler“ Zwistigkeiten zwischen rivalisierenden katholischen Mächten (etwa Österreich und Bayern) zu schlichten und so das katholische Lager zu stärken. Nach seinem Tod in Lissabon ging die Herzreliquie zunächst an den bayrischen Herzog, den eine enge Freundschaft mit dem italienischen Kapuziner verband. Später kam die Reliquie dann in die Kapuzinerkirche St. Anton.

Zum 400. Todestag hat Kapuzinerpater Othmar Noggler die Rolle des heiligen Laurentius für die Kapuziner in München beschrieben:

Vor etwas mehr als vierhundert Jahren kamen auf drängenden Wunsch des Bayernherzogs Maximilian I. und auf Anordnung des Papstes im Jahre 1600 die ersten Kapuziner aus der Provinz Venedig  nach München. Zeitgleich mit Martin Luthers Kritik an der Kirche (Thesenanschlag 1517) und seiner Forderung nach Reform, hatte sich die franziskanische Bewegung auf päpstliche Anordnung in die beiden Zweige getrennt: Die Konventualen (OFMConv) mit der Erlaubnis über Haus-  und Grundbesitz zu verfügen und die Observanten (OFMObs), die lediglich ein Nießbrauchsrecht als der Regel entsprechend verstanden. Aus der Observantengruppe setzte sich 1525 Matthäus von Bascio als Wanderprediger ab und fand Gleichgesinnte: Diese erhielten 1528 von Papst Clemens VII. die Anerkennung als dritter Zweig des Franziskusordens (OFMCap). Die gewählte Ordenskleidung ist durch die lange Kapuze gekennzeichnet, ein Umstand, der ab 1535 zum offiziellen Namen „Kapuziner“ führte.

Die gleichzeitige Auseinandersetzung Roms mit Martin Luther und die geistliche Nähe zu den Reformatoren u. a. in der Gewichtung der Heiligen Schrift gegenüber „Menschensatzungen“, hatten die Tätigkeit des jungen Ordens 1537 durch päpstliches Dekret auf Italien beschränkt. Als Papst Gregor XIII. 1574 diese Beschränkung aufhob, fasste der Orden noch im gleichen Jahr Fuß in Frankreich, 1578 in Barcelona, 1581 im deutschen Sprachgebiet in Altdorf in der Schweiz auf Wunsch von Bischof Karl Borromäus. Auf Wunsch des Erzherzogs von Tirol und Befehl des Papstes kamen 1593 Kapuziner aus der Provinz Venetien nach Innsbruck, 1600 auf  Betreiben des Herzogs von Bayern nach München und 1601, mit Erlaubnis des Magistrats der mehrheitlich protestantischen Freien Reichsstadt, nach Augsburg. Der jüngste Zweig der franziskanischen Familie hatte schon lange von sich reden gemacht, sodass Fürstbischöfe, Bischöfe und weltliche Fürsten auch außerhalb Italiens sich von deren Anwesenheit und Arbeit für die Reform der Kirche nach den Vorgaben des Konzils von Trient (1545 – 1563) Hilfe erhofften. Nicht ganz zu Unrecht konnten sie somit auch die Rückgewinnung von Untertanen erwarten, denen die „Freiheit eines Christenmenschen“, die Martin Luther verkündet hatte, zu „geistlich“ war, weil sich an ihrem Untertanendasein nichts änderte. Wie christlicher Glaube gelebt werden darf und kann, das bestimmte für beide Konfessionen schon lange der Magistrat einer Stadt oder der Landesherr. Die Gründung des Kapuzinerklosters in der Freien Reichsstadt Augsburg am Pestfriedhof bildet da eine Ausnahme.

Die Kapuziner überzeugten durch ihre spartanische Lebensweise, die tiefe Vertrautheit mit der heiligen Schrift, die auch in ihrer Predigt zum Ausdruck kam, sowie durch ihren Ruf als unerschrockene Pfleger und Seelsorger bei Seuchen und Pest. Beichthören von „Weltleuten“ war damals den Kapuzinern nur in Ausnahmefällen erlaubt und befreite sie zugleich von allen möglichen Verdächtigungen. Die Brüder, die zunächst nach Tirol, dann auch nach Bayern kamen, waren allesamt Mitglieder der Kapuzinerprovinz Venedig.

Ein Ausländer als „geistlicher Entwicklungshelfer“?

Offensichtlich waren „Ausländer“ zur damaligen Zeit kein Hindernis für einen gedeihlichen Anfang. Einer aus ihren Reihen ist 1559 als Julius Cäsar Rosso im tiefsten Süden Italiens, in der damals bedeutenden Hafenstadt Brindisi, geboren und war dort als Schüler und Zögling der Konventualen aufgewachsen. 1573 zog er nach Venedig zu seinem Onkel, der dort Pfarrer war, und wollte wie dieser Priester in der Diözese werden. Zwei Jahre später trat er jedoch in den Kapuzinerorden ein und erhielt dabei den Ordensnamen Laurentius von Brindisi. Als solcher durchläuft er seine Ausbildung bei den Kapuzinern. Nach seiner Priesterweihe 1582 wird er zunächst ein auf der ganzen Halbinsel Italien gefeierter Prediger. Aufgrund seiner außerordentlichen Sprachkenntnisse kann er mit ähnlichem Erfolg bald im deutschen Sprachraum, in Frankreich, in Katalonien – für Juden auch in hebräischer Sprache – seinen Dienst tun.

Dazu kommen dann die verschiedenen Ämter im Orden: Kaum fünf Jahre Priester, wird er Guardian (Oberer im Kloster) in Venedig, 1594 Provinzial und 1596 zum zweiten Mal Generaldefinitor. 1599 ist er mit mehreren Gefährten als Generalkommissar bei der Gründung von Klöstern in Graz, Wien und Prag anzutreffen. Die Jahre 1602 bis 1605 hatte er die Gesamtleitung des Ordens inne, ist in der Fastenzeit 1606 wieder als Prediger bei Neapel unterwegs und wird noch im April des gleichen Jahres zum zweiten Mal als Generalkommissar in die deutschen Kapuzinerprovinzen gesandt. Über die Tatsache hinaus, dass er der einzige heiliggesprochene und zudem zum Kirchenlehrer erhobene Ordensgeneral der Kapuziner ist, war der spätere Heilige bereits als Prediger, Autor, Feldpater und Diplomat in die Geschichte eingegangen.

Autor und Feldpater

Den Autor haben sein „Mariale“ als Zeugnis tiefer Marienfrömmigkeit, die „Explanatio in Genesium“ als Erklärung der Schöpfung und das Werk der „Dominicalia“ mit den jeweils ausgearbeiteten Sonntagspredigten überlebt und ihm den ehrenvollen Titel eines Kirchenlehrers als „doctor Apostolicus“ eingebracht.

((Die schriftlichen Auseinandersetzungen mit Luther, mit dem lutherischen Hofprediger Polykarp Leyser, den 1608 Christian II., der Kurfürst von Sachsen, nach Prag mitgebracht hatte, und die Antwort des Laurentius auf dessen „Zwo christliche Predigten“ gehören in die Reihe der beiderseitig vom Grobianismus gezeichneten Publikationen. Nachdem Leyser unerwartet durch den Tod von der Kampfarena ausgeschieden war, hielt Laurentius seine Antwort vornehm zurück, er wollte nicht den Anschein erwecken, „gegen Tote zu kämpfen oder gegen Schatten einen Krieg führen.“ (Dissertationes dogmaticae contra Lutherum et Layserum). ))+

Seine Fähigkeiten als Feldpater hatte er schon 1601 bei der Schlacht von Stuhlweissenburg/ Sékesféhérvar unter Beweis gestellt. Als päpstlicher Delegat ist Laurentius zwischen Rom, Prag und Madrid mit Zwischenaufenthalten in München unterwegs, um mit Kaiser, Königen, Kurfürsten und Bischöfen in der spannungsreichen Zeit im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges als „ehrlicher Makler“ Zwistigkeiten zwischen rivalisierenden katholischen Mächten (etwa Österreich und Bayern) zu schlichten und so das katholische Lager zu stärken.

Als 1605 die mehrheitlich protestantische Stadt Donauwörth wegen tumultartiger Störung von Bittprozessionen der verbliebenen katholischen Minderheit die vom Reich geforderte Erklärung nicht lieferte bzw. die Annahme der vorgesehenen Strafe verweigerte, wurde über die Stadt die Reichsacht verhängt und auf Betreiben von Laurentius der Bayernherzog mit der Durchführung betraut. Als die Stadt die Exekutionskosten nicht aufbringen konnte, behielt der Kurfürst  Donauwörth als Pfand und die Prädikanten hatten die Stadt zu verlassen. Dieses Vorgehen unterstützte die Gründung der Protestantischen Union (15. Mai 1608) – ein Vorgang,  der 14 Monate später, am 10. Juli 1609 zum Militärbündnis der Katholischen Liga unter Herzog Maximilian führt. Dass Graf von Tilly als militärischer Führer gewonnen werden konnte, dürfte auf die „Waffenbrüderschaft“ des Soldaten mit dem Kapuziner in der Schlacht in Stuhlweissenburg zurückzuführen sein.

Tiefe Männerfreundschaft mit dem Herzog von Bayern

Die intensive diplomatische Zusammenarbeit zwischen Laurentius und dem Herzog von Bayern führte zu einem engen freundschaftlichen Verhältnis, das nicht zuletzt in der Frömmigkeit beider Persönlichkeiten zu finden ist. Die gemeinsame Marienverehrung veranlasste etwa den Herzog dazu, den Kapuzinern das Bild der Heiligen Familie vom niederländischen Maler Peter de Witte (1548-1628) zu schenken. Es schmückte den Gruftaltar im alten Kloster am heutigen Lenbachplatz in München, an dem Laurentius mit Vorliebe die Messe zelebrierte, wobei der Herzog öfter als Messdiener teilnahm. Das Bild wurde in der Säkularisation konfisziert, fand aber nach dieser Phase wieder den Weg in die neue Kapuzinerkirche zum heiligen Antonius und heiligen Laurentius, in der es bis heute einen bescheiden-beschaulichen Platz gefunden hat.

Die Wiederentdeckung als zweiter Kirchenpatron 

Die Erinnerung an den zweiten Kirchenpatron, der zeitweilig in München gelebt und gewirkt hat, ist mit der radikalen Umgestaltung der Kirche vom Jahre 1966 zum Opfer gefallen. An die ursprünglich breiten Bildstreifen vom Leben der beiden Patrone an den Wänden des Hochschiffes erinnern heute die zwei originalen, in Miniatur geschaffenen Farbentwürfe und die für das 75-Jahr-Jubiläum der Pfarrei ursprünglich „temporär“ digital-technisch wieder in Originalgröße hergestellten Bildstreifen. Der rechte Bildstreifen führt in der Manier üblicher Heiligenlegenden zurück in wichtige Stationen des heiligen Laurentius: So begegnet uns im ersten Bild das Kind Julius, das – vielleicht dem zwölfjährigen Jesus im Tempel nachempfunden – gerne predigt. Im zweiten stillt der Jugendliche mit einem geweihten „Agnus Dei“ und seinem Gebet das aufgewühlte Meer, während er im dritten Bild als Kapuziner unerschrocken auf einem Schimmel mit hocherhobenem Kreuz gegen das feindliche Heer stürmt. Das Mündungsfeuer einer feindlichen Kanone ist auf die Lichtgestalt gerichtet; die Kugel trifft kraftlos den Sattel, ohne Pferd oder Reiter zu schaden. Das vierte Bild erinnert an den Heiligen als päpstlichen Legaten und spanischen Gesandten im Gespräch mit dem großen Herzog Maximilian (Kurfürst erst ab 1623!). Das fünfte Bild hält fest, wie dem Heiligen bei der Messfeier vor dem Bild der Heiligen Familie das Christuskind erschien. Das letzte Bild schließlich zeigt den Heiligen auf dem Sterbebett in Lissabon, wohin ihn das Mitleid mit den Bewohnern seiner Heimatstadt Brindisi geführt hatte.

Ein letzter Auftrag

Er sollte vom spanischen König Philipp III. (1598-1621) die Absetzung des tyrannischen  Herzogs von Osuna als Regent des Vizekönigreiches Neapel, das damals zu Spanien gehörte, fordern. Da der König anlässlich der Krönung seines Sohnes zum König von Portugal gerade in Lissabon weilte, musste ihm Laurentius nachreisen. Tatsächlich erhält er am 26. Mai auf Vermittlung von Don Pedro de Toledo, Marqués de Villafranca del Bierzo, einen geschätzten Bekannten aus seiner Prager Zeit, eine erste Audienz, um das Anliegen seiner Landsleute vorzubringen. Die Vorbereitung der Krönung verhinderte eine Entscheidung und so stirbt Laurentius am 22. Juli 1619, seinem 60. Geburtstag; wie er selbst vermutet, an einer Vergiftung. Um Übergriffe auf den Leichnam zu vermeiden, lässt Don Pedro den Leichnam einbalsamieren und führt den Sarg nach Villafranca ins Bergland des Bierzo. Dort, im Kloster der Verkündigung, das die Tochter Don Pedros gegründet hatte, fand der Leib des Heiligen bis heute seine letzte Ruhestätte. Sein Herz erhielten je zur Hälfte die beiden Reisegenossen, die Kapuziner  P. Johannes Maria und P. Hieronymus; beide behielten einen Partikel davon für sich zurück. P. Johannes teilte ein weiteres Stückchen dem Kapuzinerkloster in Venedig zu und übergab den Rest dem Herzog von Bayern.

Eine andere Zeit machte es möglich, dass die kostbare Reliquie in der Klosterkirche St. Anton und St. Laurentius ihren Platz gefunden hat.
 
Seliggesprochen wurde Laurentius 1783 auf Drängen vieler einfacher Menschen wie auch von Vertretern des Hauses Wittelsbach, die in Laurentius schon zu Lebzeiten einen Heiligen sahen, sein geistliches Wort schätzten und von Wundern wussten, die nicht nur durch den Segen, den er mit dem Brustkreuz erteilte, sondern auch durch tränendurchtränkte Taschentücher geschahen, die er bei der Feier der heiligen Messe benützt hatte.

Ein Wegweiser in unserer Zeit

Die anfangs erwartete baldige Heiligsprechung ließ auf sich warten. Mit dem Dreißigjährigen Krieg und der Säkularisation hatte sich das Interesse an Heiligsprechungen abgekühlt. Als die katholische Kirche mit Papst Leo XIII. wieder Tritt gefasst hatte, schien wohl im Zusammenhang mit der Industrialisierung, den mit ihr verbundenen sozialen Verwerfungen sowie mit dem aufkommenden Nationalismus in ganz Europa eine Persönlichkeit wie der selige Ausländer Laurentius wieder ein Wegweiser zu sein. Er wurde 1881 von Papst Leo XIII. heiliggesprochen und beim Bau der heutigen Antoniuskirche 1893 zu deren zweiten Patron erwählt. Papst Johannes XXIII. erhob den Heiligen  am 19. März 1959  als „Doctor Apostolicus“ zum Kirchenlehrer. Für den Generalminister der Franziskaner wie für den bis 2018 amtierenden Generalminister der Kapuziner, Mauro Jöhri, war der 400. Todestag des Heiligen Anlass, ein Laurentiusjahr für die franziskanische Familie auszurufen.

Internationaler Kongress im Laurentiusjahr 2019

An der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien findet in Zusammenarbeit mit den Kapuzinerprovinzen Österreich - Südtirol, Deutschland und der Schweiz vom 7. bis 9. November 2019 zum 400. Todesjahr des heiligen Laurentius von Brindisi ein internationaler wissenschaftlicher Kongress statt. Details zu Inhalten und Anmeldung entnehmen Sie bitte dem Veranstaltungsflyer.

Text: P. Othmar Noggler
Fotos: © Kapuziner
Redaktion: Beate Spindler