„Asoziale“ im Zentrum von Auschwitz-Gedenken: Kapuziner kritisiert Umgang mit Obdachlosen

Im Rahmen einer ökumenischen Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz hat Kapuzinerbruder Michael Wies den heutigen Umgang mit wohnungslosen Menschen kritisiert.

Kapuzinerbruder Michael Wies leitet den Franziskustreff in Frankfurt

Die Gedenkveranstaltung in der Frankfurter St. Bernhardkirche, die die Regenbogencrew der AIDS-Hilfe Frankfurt e.V. zusammen mit dem Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt, der Dompfarrei St. Bartholomäus und der Gemeinde St. Bernhard initiiert hatte, erinnerte in diesem Jahr besonders an die Menschen in den Konzentrationslagern, die als sogenannte „Asoziale“ inhaftiert wurden.

Als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ gerieten unzählige Menschen ohne Gerichtsurteil in die grausamen Gefangenenlager. Darauf ging Dr. Olaf Lewerenz, evangelischer Stadtkirchenpfarrer der St. Katharinenkirche, in seiner Rede ein: „Asozial heißt immer noch ‚selber schuld, wertlos‘.“ Andersdenkende und -lebende gebe es heute wie damals in allen gesellschaftlichen Schichten und in allen Gehaltsklassen, sagte er weiter. Jeder habe das Recht, seine Lebensform zu finden.

Jedes "Aber" eine Verhöhnung der Opfer

Dass niemand zurecht im KZ gesessen habe, betonte auch Stadtrat Stefan Majer. Jedes nachgeschobene „Aber“ klänge wie eine erneute Verhöhnung der Opfer. Antisemitischer Hass und Gewalt seien nach dem Ende der Nazizeit verborgen gewesen – „jetzt sind sie wieder gut sichtbar“, mahnte Majer und nannte den Angriff auf die Synagoge in Halle als Beispiel.

Bruder Michael Wies, Guardian der Kapuziner im Kloster Liebfrauen, begann seine Ansprache mit den Worten, die die Veranstalter als Überschrift der Gedenkfeier gewählt hatten: „Wie vergessen euch nicht!“ Wies erzählte, dass er im Frieden aufgewachsen sei und das große Glück habe, den Krieg nie kennengelernt zu haben. Er erinnerte daran, dass zu den von den Nazis als „asozial“ abgestempelten Menschen auch die Obdachlosen zählten – eine Randgruppe, für die er sich als Leiter des Frankfurter Franziskustreffs täglich stark mache. In seiner Rede kritisierte er den heutigen Umgang mit wohnungslosen Menschen in der Mainmetropole. Er habe die Hoffnung, dass alle in Frieden miteinander leben können – egal welchen Geschlechts, egal welcher Orientierung und Lebensweise, schloss Kapuzinerbruder Michael Wies ab.

 "So bunt, wie Gott uns schuf, so bunt mögen wir bleiben"

Hoffnung ließ auch Rabbiner Andrew Steinman in seiBruder Michael Wies in der St. Bernhardkirche am 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz (Foto: Tobias Friedhoff/Regenbogencrew der AIDS-Hilfe Frankfurt e.V)nem Wunsch spüren: „So bunt, wie wir sind, so bunt, wie Gott uns schuf, so bunt mögen wir bleiben!“

Die Gedenkfeier in der Frankfurter St. Bernhardkirche wurde geleitet von Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz, Gemeindereferentin Petra Löbermann, dem Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gethsemanegemeinde, Torsten Peters, Rabbiner Andrew Steinman und Dr. Olaf Lewerenz, dem evangelischer Stadtkirchenpfarrer der St. Katharinenkirche.

Text: Br. Christian Albert
Fotos: Tobias Friedhoff/Regenbogencrew der AIDS-Hilfe Frankfurt e.V.
Redaktion: Beate Spindler