Bruder Joachim im Porträt: Der Einsiedler im Sauerland

Ein Leben in Einsamkeit: Genau dafür hat sich Kapuzinerbruder Joachim Wrede entschieden. Vor sechs Jahren zog er in die Einsiedelei St. Franziskus nach Schliprüthen im Sauerland. In einer Zeit, in der viele Menschen unter den Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie leiden und aus der erzwungenen Isolation ausbrechen möchten, hat Ronald Pfaff mit dem Kapuziner gesprochen. Im Porträt für das Erzbistum Paderborn gewährt der Eremit Einblicke in ein Leben der gewählten Einsamkeit.

Vor sechs Jahren zog Bruder Joachim Wrede in das alte Pfarrhaus nach Schliprüthen. Sein Wunsch, kontemplativ-eremitisch leben zu wollen, führte ihn in die Stille und Abgeschiedenheit des kleinen Dorfes am Rande der Gemeinde Finnentrop im Sauerland. Ein Eremit, der es liebt zurückgezogen und einsam zu leben. Doch ist der Wunsch nach einem Einsiedlerleben zugleich ein Indiz dafür, dass man menschenscheu ist oder führt es dazu, dass man das Image des Eigenbrötlers zugeteilt bekommt?

Schliprüthen, ein schmucker und idyllischer Ort auf 430 Metern Höhe, besticht durch viele Fachwerkhäuser. Rund 150 Einwohner leben im Dorf im Naturpark Homert. Die spätromanische Hallenkirche St. Georg ist denkmalgeschützt und einen Besuch wert. „Als Naturfreund kommt mir die Lage zugute“, betont der Kapuziner, der auch eine ganz andere Beziehung zum Ort hat. „Schliprüthen war mir nicht ganz unbekannt, denn es liegt nur 45 Minuten zu Fuß von unserem ehemaligen Kloster Brunnen entfernt.“

Zwei Argumente für einen Umzug nach Schliprüthen, doch genug für die Entscheidung, in Abgeschiedenheit leben zu wollen? Bruder Joachim erinnert sich: „Als ich meinen Freunden und Verwandten damals meine Absicht offenbarte, in einen Orden einzutreten - ich hatte mich lange bedeckt gehalten - wandten viele ein, ‚du bist doch eigentlich gern unter Leuten, gehst gern zu Festen‘. Den gleichen Einwand brachten Mitbrüder Jahrzehnte später vor, als ich ihnen sagte, dass ich gern viel Zeit für Kontemplation haben möchte. Nein, als menschenscheu würde ich mich nicht sehen. Aber es geht mir auch nicht so wie einem Mitbruder, der etwas scherzhaft von sich selbst meinte, er bräuchte eine Bühne.“  

Für Bruder Joachim waren die Gründe noch tiefliegender, denn es ging ihm auch um Entschleunigung in einer Gesellschaft, die für ihn – aber nicht nur für ihn – den Eindruck hinterlässt, seit Jahrzehnten auf der Flucht zu sein: „Da geht es um Rennen um sein Leben. Jede Rast- oder Ruhepause kann lebensbedrohlich sein. Stillwerden oder Einkehren kaum möglich. Weder bei sich selbst, noch beim andern – noch bei Gott.“

Die Frage, warum er überhaupt Ordensmann geworden sei, habe ihm neulich ein Medizinstudent auch gestellt. „Man muss religiös sein – das ist die Grundvoraussetzung. Alles Weitere ergibt sich daraus“, wiederholte Bruder Joachim seine Antwort von damals. Schon früh sei ihm der Gedanke gekommen, in einen Orden einzutreten. Ein Verwandter war Dominikaner. Doch die Lebensweise des Hl. Franziskus hätten ihn mehr angezogen: „Seine Einfachheit, seine konsequente, unkonventionelle tiefe Religiosität hat etwas, was auch unserer Zeit Impulse gibt. Ein Großteil seines Lebens verbringt er in Einsiedeleien. Dann gab es Dinge und Situationen in meinem Leben, die sich einfach nur so einfädelten und mir den Weg zu den Kapuzinern wiesen. Das konnten keine Zufälle sein.“

Akzeptanz bei den Menschen vor Ort

Kapuzinerbruder Joachim Wrede lebt als Einsiedler in Schliprüthen im Sauerland (Foto: Friedhelm Thomba)Wie kommt sein Leben im Umfeld seiner Wahlheimat an? Das Image des Einsiedlers beinhaltet Begriffe wie Eigenbrötler, Verschlossenheit, Abschottung. „Natürlich rede ich mit Menschen, die ich auf der Straße treffe. Die Menschen in Schliprüthen akzeptieren es, dass ich zurückgezogen leben möchte. Sie wissen gleichzeitig, dass sie mich ansprechen können, wenn sie meinen, dass ich ihnen weiterhelfen kann“, lässt der 66-Jährige keinen Zweifel an seiner Offenheit, wie auch der Blick hinter die Wohnungstür bestätigt. Einfach und zweckmäßig ist das alte Pfarrhaus eingerichtet. „Vielleicht ein wenig zusammengestückelt. Aber ich hoffe, dass Franz von Assisi dazu Ja sagen würde.“

Den Nachbarn macht der Kapuziner deutlich, dass sein Beitrag zu Pastoral und menschlichem Wachstum das Angebot der Einführung in und Begleitung bei dem kontemplativen Gebet sei. So habe er Sitzgruppen ins Leben gerufen. Denn Kontemplation sei eine Sache für jedermann und nicht nur für Ordensleute. „Heute bekommen wir westlich rational orientierten Menschen auch Impulse von asiatischen Meistern. Es kommt darauf an, in eine kontemplative Grundhaltung hineinzuwachsen. ‚Man muss es tun‘ – ein theoretisches Wissen um Wege in religiöse Innererfahrung bleibt blutleer und ineffizient. Man braucht Geduld, Ausdauer und Gelassenheit für diesen alles überragenden Weg“, zitierte der Kapuziner zuletzt Benedikt von Canfield.

Abgeschieden von anderen Menschen ist er auch nicht. Mit Freunden aus der Kindheit und Jugend gibt es Treffen, der Kontakt zu Verwandten und vor allem den beiden leiblichen Brüdern wird gepflegt. Aber man lasse sich auch den nötigen Abstand. Zuvor hat der Kapuziner auch im Konvent gelebt, daher bleibt auch dieser Bezug. Meist bei Hochfesten, Feiern oder Ordensversammlungen trifft er sich mit Mitbrüdern in Münster oder anderen Klöstern.

Der Wert der Kontemplation: Kraft schöpfen aus der Stille

Kontemplatives Gebet als Angebot von Bruder Joachim Wrede in Schliprüthen (Foto: Kapuziner)Die Kontemplation sei ein individueller Prozess. Zu Beginn bedürfe es recht viel Disziplin – später bilde sich so etwas wie eine kontemplative Grundhaltung aus, die in den Alltag hineinfließe. „Am Anfang sah mein Tagesablauf sehr geregelt aus. Frühes Aufstehen, lange Meditationszeiten früh morgens und abends von 17 bis 19 Uhr. Nun gehe ich flexibler um mit dem Tagesverlauf. Wenn ich einen Gast habe – ich lade gern meditationserfahrene Menschen zum Mitleben ein – richte ich mich nach den vorgegebenen Zeiten“, so der Schliprüther Eremit.

Die nötige Kraft für sein Leben als Einsiedler wächst dem Ordensmann aus der Stille zu: aus dem Loslassen, aus dem Hinhören, aus dem Präsentsein. Diskursive Betrachtung, die manchmal mit Kontemplation verwechselt werde, könne zuweilen helfen. Aber die Stille oder das Loslassen sei die große Lehrmeisterin, nicht das Nachdenken oder die Emotionen, die in der Betrachtung noch eine Rolle spielten. Sie verstellten oft nur den tieferen, göttlichen Grund. „Geistliches Leben ist für mich in seiner tiefsten Form Stille. Im Loslassen der Ich-Aktivitäten offenbart sich Tiefes.“

Innere Kraft ist auch in diesen Tagen des Corona-Virus nötig. Soziale Distanz, Sorgen um die Gesundheit oder sogar um das Leben und letztlich um wirtschaftliche Existenzen beschäftigen die Menschen. Bruder Joachim versprüht jedoch auch Optimismus, während er sich selbst zu größter Konsequenz herausgefordert fühlt. Die Krise berge eine große Chance für die Menschheit. Sie sei ein Ruf nach Solidarität und Neuausrichtung. Vor allem die reichen Länder könne sie herausrufen aus einer konsumorientierten, materialistischen Lebensweise, die in der Sackgasse steckt. Gern zitiert der Einsiedler ein Wort des weitsichtigen Bischofs Bartolomé Carrasco: „Wir stehen als Weltgemeinschaft vor einer großen Herausforderung. Das Haus Welt muss neu gebaut werden. Es reicht nicht nur Fenster, Türen oder das Dach zu renovieren.“ Und der Kapuziner ergänzt: „Ich hoffe und bete, dass wir diese Chance erkennen.“

Text: Ronald Pfaff / Erzbistum Paderborn
Fotos: © Friedhelm Thomba, © Kapuziner
Redaktion: Beate Spindler