Das Leid der Illegalen in den USA

Bruder Thomas Skowron ist vergangenes Jahr in die USA gegangen. Sein Wunsch: die Sozialeinrichtungen des Ordens in der Provinz St. Joseph näher kennenlernen. Doch mit dem Beginn der Coronapandemie lernte der junge Kapuziner noch viel mehr.

Das Coronavirus fordert die Welt heraus. Und es verändert. Zum Beispiel die Art, wie wir leben, wie wir arbeiten. Aber vor allem auch die Art, wie wir armen, hilfsbedürftigen Menschen begegnen und sie unterstützen. Kapuzinerbruder Thomas Skowron ist nach dem Abschluss seines Theologiestudiums im vergangenen Jahr von Deutschland in die USA gezogen. In der Kapuzinerprovinz St. Joseph im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten hat er nicht nur die Arbeit mit afroamerikanischen und hispanischen Gemeinden und den Sozialeinsatz näher kennengelernt, sondern miterlebt, wie sich Hilfe in Zeiten der Coronapandemie verändern muss, damit sie bei den Menschen ankommt.

Allein in Detroit, einer Stadt, die bereits seit Jahrzehnten gegen Armut, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung und Gewalt kämpft, unterhalten die Kapuziner Kleiderkammern und Rehabilitationseinrichtungen für Drogenabhängige und entlassene Strafgefangene. Die „Capuchin Soupkitchen“ verteilt rund eine halbe Million warme Mahlzeiten jährlich. Seit Mitte März sind die Essensräume jedoch geschlossen, statt Suppe vor Ort gibt es Lunchpakete zum Mitnehmen. „Die Brüder tun bis heute alles, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und den Menschen in Not zu helfen“, berichtet Bruder Thomas. „Leider gab es im Umfeld der einzelnen Standorte einige Fälle von Covid-19, weswegen die betroffenen Filialen übergangsweise für jeweils zwei Wochen schließen mussten.“

Hilfe in Zeiten von Corona: kreativ sein, mit anderen kooperieren

Die Brüder Mike und John bereiten Sandwiches für den Bread Truck in Chicago vor (Foto: © Vito Martinez)

In Milwaukee bat die Stadtverwaltung sogar darum, die Essensausgabe vor Ort komplett einzustellen – um die täglich rund 200 Besucher davon abzuhalten, sich auf den Weg dorthin zu machen und sich und andere möglicherweise mit dem Virus zu infizieren. Die Kapuziner reagierten: „Zunächst versuchten wir, das Essen direkt zu unseren Gästen zu liefern“, erzählt Bruder Thomas. Doch das habe sich rasch als unrealistisch erwiesen. „Schließlich nahmen wir Kontakt zu drei Notschlafstellen auf, die wegen der Ausgangsbeschränkungen zu Ganztageseinrichtungen wurden. So liefern wir Essen zu denen, die es am Nötigsten haben.“

Der Bread Truck an einem seiner Haltestellen in Chicago: Essen an Notleidende verteilen (Foto: © Maria Diaz)Dass es für viele Menschen in den USA auch schon vor dem Ausbruch der Coronakrise ums blanke Überleben ging, ist kein Geheimnis. Doch was in den vergangenen Wochen besonders deutlich wurde: Vor allem die illegalen Migranten leiden. „Aus Angst vor Abschiebung meiden sie städtische Tafeln“, sagt der Kapuziner. Umso wichtiger sind deshalb Projekte wie beispielsweise der „Bread Truck“ in Chicago, der täglich Essen zu bedürftigen Menschen an mehreren Stellen der Stadt bringt. Der „Bread Truck“ ist eine Initiative der „Port Ministries“, eines franziskanischen Hilfswerks, das in einem der vielen sozialen Brennpunkte in der Stadt am Lake Michigan aktiv ist und mit dem die Kapuziner intensiv zusammenarbeiten.

In Verbindung bleiben: Online-Katechese in Indianerreservaten

Vom Coronavirus bislang nicht betroffen sind die beiden Stämme in den Indianerreservaten im Bundesstaat Montana, mit denen die Kapuziner zusammenleben. „Aufgrund der ohnehin mangelhaften medizinischen Versorgung der Ureinwohner wäre jeder Covid-19-Ausbruch katastrophal, weswegen die Oberhäupter der Nördlichen Cheyenne und der Crow entschlossen haben, ihre ReservateBruder MJ bei Online-Katechese mit Nördlichen Cheyenne und Crow (© MJ Groark). für jegliche Besucher vorübergehend zu schließen“, berichtet Bruder Thomas. Damit die katechetische Arbeit in den Reservaten nicht ruhen muss, haben die Kapuziner sie für die Zeit der Pandemie ins Internet ausgelagert. Für den Mitbruder aus Deutschland die einzige Möglichkeit, Einblick in das Leben im Indianerreservat zu bekommen – denn den eigentlich geplanten  Aufenthalt dort machte das Coronavirus unmöglich.


Redaktion: Beate Spindler
Fotos: © Jim Van Hoven/Capuchin Community Services, © Vito Martinez, © Maria Diaz, © MJ Groark