Der Unbesiegbare: Kapuziner gedenken ihres Provinzpatrons Anicet Koplinski

Vor 20 Jahren, am 13. Juni 1999, sprach Johannes Paul II. auf seiner Pastoralreise durch Polen 108 Märtyrer des Nazi-Regimes selig, darunter auch Anicet Koplin. Der deutsche Kapuziner versteckte in Warschau Juden und stellte für sie Papiere aus. Als "Vater der Armen" ging er auf seine ihm eigene Weise betteln – am Montag, 17. Juni 2019, gedenkt die Deutsche Provinz der Kapuziner ihres Mitpatrons.

Anicet Koplin (Bildmitte, mit Bart) im Kreis der Mitbrüder und militärischer und geistlicher Würdenträger

Anicet Koplin stammte aus Preußisch-Friedland, wo er als Sohn einer evangelischen Mutter und eines katholischen Vaters am 30. Juli 1875 geboren wurde und bei der katholischen Taufe den Namen Albert erhielt. Mit elf Jahren ging er aufs Gymnasium und meldete sich nach dessen Abschluss bei den Kapuzinern, die wegen ihres sozialen Einsatzes einen guten Namen hatten.

Von Westpreußen ins Elsass

Wegen des Kulturkampfes in Preußen durften die Kapuziner keine Kandidaten aufnehmen. Darum hatte die Rheinisch-Westfälische Provinz das Noviziat nach Sigolsheim im Elsass verlegt. Dorthin zog Albert nach dem Abitur und bekam bei der Einkleidung den Namen Anicet, das heißt: der Unbesiegbare. Die philosophisch-theologischen Studien absolvierte er in Krefeld, wo er am 15. August 1900 zum Priester geweiht wurde. Danach wirkte er als Seelsorger in Dieburg (Hessen), dann lange im Ruhrgebiet (Werne, Sterkrade), wo er sich hauptsächlich um polnische Arbeiter kümmerte. Er hatte von sich aus in den Studienjahren seine Kenntnisse der polnischen Sprache verbessert. Das kam ihm bei seinem Apostolat ebenso zugute wie seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie.

Vom Ruhrgebiet nach Warschau

Am 8. März 1918, noch vor Ende des Ersten Weltkrieges, zog Anicet auf Bitten des Generalministers in Rom von Krefeld nach Warschau, um der polnischen Ordensprovinz auszuhelfen, die durch das Regime der Zaren stark reduziert war. Dort blieb Anicet mit seiner Heimatprovinz eng verbunden. Jährlich schrieb er dem Provinzial zum Namenstag. Zitieren wir aus seinem Brief vom 17. Januar 1922, der seinen etwas hochtrabenden Stil verrät:
Aus dem hochfreudigen Anlass Ihres hehren Namenstages entbietet Eurer hohen Paternität Ihr unwürdigster Sohn hier in Polens Hauptstadt die innigsten und aufrichtigsten Segenswünsche. Möge des Allgütigen und Allmächtigen helfende, stützende und stärkende Gnade Ihnen bei der Ausübung Ihres so arbeitsreichen und ja so mannigfache Schwierigkeiten bietenden Amtes stets in besonderer Weise zur Seite stehen, und möge Ihre gesamte Tätigkeit, von Gottes Segen begleitet und getragen, jederzeit recht erfreuliche und dauernde Früchte zeitigen!  Ihrem alten, wetterharten, nordischen Eisbären Anicet geht es hier im Polenland noch immer vorzüglich. Die klösterliche Ordnung lässt leider noch viel zu wünschen, wenn ja auch einige Ansätze zum Besseren sich zeigen.
Ehrerbietigste und herzlichste Grüße sendet Eurer hochw. Paternität
Euer gehorsamster dankbarer Sohn fr. Anicet


Die 20 Jahre, die Anicet in Warschau verbrachte, gehörten zum großen Teil den Armen, den Vagabunden, den Arbeitslosen oder auch den armen Sündern im Beichtstuhl. Am meisten finden wir ihn im Quartier von Annopol am rechten Ufer der Weichsel. Hier wohnten etwa 11.000 Menschen in 113 Baracken. Die Kapuziner organisierten eine Suppenküche, für die Anicet betteln ging. Auf Hochzeiten verlas er seine Gedichte oder führte Kunststücke vor, um danach um eine milde Gabe zu bitten für seine Armen. Zu denen, die bei ihm beichteten, gehörten Bischöfe und der Päpstliche Nuntius Achilles Ratti, der künftige Pius XI. Auch ihnen legte er als Buße auf, für bestimmte Familien zu sorgen.

Märtyrer aus freiem Willen

Am 1. September 1939 griff die deutsche Wehrmacht Polen an, Warschau wurde besetzt. Anicet half vom Konvent aus Armen und Bedürftigen, auch Juden, die er versteckte oder denen er Papiere ausstellte. Als Deutscher hätte er nach Berlin ausreisen können, er blieb aber bei seinen Polen und nannte sich fortan Koplinski. Wegen feindlicher Tätigkeit wurden am 27. Juni 1941 alle 22 Kapuziner in Warschau festgenommen und ins KZ Auschwitz gebracht und am 6. Juni 1942 die wenigen, die noch am Leben waren, nach Dachau. Anicet Koplinski mit der Häftlingsnummer 20376 starb schon in Auschwitz, wahrscheinlich Ende September, Anfang Oktober 1941 bei der ersten Probe mit dem Gas Zyklon B, das auch „Gas von Preußen“ genannt wurde. Genaues wissen wir nicht. Sicher ist: Einige Monate lebte Anicet unter schrecklichen Bedingungen im KZ. „Er, der arm gelebt und sich für die Armen und Verfolgten aufgerieben hatte, starb in äußerster Armut für seine Glaubensüberzeugung und in Solidarität mit seinen polnischen Brüdern. Über die Abgründe von Hass und Elend hatte seine erfinderische Liebe Brücken von Mensch zu Mensch gebaut. Im Gebet verbunden mit dem leidenden Herrn, ging er in das Dunkel des Todes, getragen von der Hoffnung, dass auch sein Sterben mithelfe zur Versöhnung zwischen Deutschen und Polen, Juden und Christen, Katholiken und Protestanten, Armen und Reichen, Häftlingen und Henkern“ (Viktrizius Veith).

Liturgisch wird sein Gedenktag am 16. Juni begangen: sel. Anicet Koplin und Gefährten. Da 2019 der 16. Juni auf einen Sonntag fällt, begeht die Deutsche Provinz der Kapuziner das Fest ihres Mitpatrons am Montag, den 17. Juni.

Text: Bruder Leonhard Lehmann
Fotos: © Kapuziner

Literatur:
Anizet Flechtker, Sel. P. Anizet Koplin, in Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Helmut Moll. Sechste, erweiterte und neu strukturierte Auflage, Paderborn 2015, 967-969.
Viktrizius Veith, Koplinski, Anicet, in Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XXX, Nordhausen 2009, 804-810.
Wieslaw Block / Leonhard Lehmann, Der selige Anicet Koplin. Ein deutscher Patriot und Priester im Lager von Auschwitz, Kisslegg-Immenried 2019. 79 S.