Impuls: Mit einer Wurzel durch den Advent

Einen etwas anderen Adventskranz haben die Kapuziner in der Franziskanerkirche Mariä Himmelfahrt in Ingolstadt aufgestellt: eine Wurzel, an der sich grüner Efeu entlang rankt. Mit Naturromantik hat das aber nichts zu tun. Was die Adventswurzel symbolisiert und wie sie die Kirchenbesucher zum Nachdenken anregt, erklärt Kapuzinerbruder Jose Vettikatte

Adventswurzel in der Franziskanerkirche Mariä Himmelfahrt in Ingolstadt.

Die Adventswurzel ist durch die Wurzel Jesse inspiriert, einem vor allem seit dem Mittelalter verbreiteten Bildmotiv der christlichen Kunst. So entwurzelt, verdorrt und ihres Stammes beraubt wie die Adventswurzel, will sie an eine Situation in der Geschichte des Volkes Israel erinnern, an den Niedergang des Reiches von König David. Unter ihm hatte 1000 Jahre vor Christus Israel seine größte Ausdehnung und Macht gehabt. Doch das davidische Reich ist bald nach David in zwei Teile zerfallen. 722 v. Chr. wurde das Nordreich Israel dann von den Assyrern ausgelöscht. Und auch das Südreich Juda war durch diese Großmacht bedroht. In dieser Situation will Gott seinem Volk durch den Propheten Jesaja neue Hoffnung bringen.

„Jesaja verkündigt in Bezug auf die ′Wurzel Jesse′, die Nachkommenschaft des Isai (Isai = Jesse), des Vaters von König David: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn“. (Jesaja 11,1-2.10)

Aufgrund dieses prophetischen Wortes schöpfte das Volk Israel im weiteren Verlauf seiner Geschichte die Hoffnung, dass aus Davids Haus, aus der Wurzel Jesse, der Messias kommen würde, um sein Friedensreich aufzurichten. Und wir Christen glauben, dass sich in Jesus Christus diese Hoffnung erfüllt hat, dass aus dem toten Holz seines Kreuzes das neue Leben seiner Auferweckung durch Gott gewachsen ist, dass durch ihn der Heilige Geist Gottes in unserer Leben hinein wirkt.

Das Symbol der Adventswurzel steht also nicht für Naturromantik, sondern ist bitterer Ernst, deutet auf die Schattenseiten und die Vergänglichkeit unseres Daseins. Ein Baum kann ja Bild für unser Leben sein: Wie bei einem Baum, dessen Jahresringe bessere oder schlechtere Jahre erkennen lassen, gibt es in unserem Leben Erfahrungen von „guten Zeiten“, aber auch Durststrecken und Verletzungen. So können wir uns auch selbst in so einem abgeholzten Baumstumpf mit seiner Wurzel sehen, vor allem, wenn uns unsere Endlichkeit, unsere Sterblichkeit bewusst wird. Heilsam wäre es, wenn wir uns im Advent auf die dunklen Seiten unseres Lebens besinnen und uns diesem Bild der abgeschnittenen Wurzel einmal aussetzen, uns selbst darin suchen und erkennen. Wenn wir das im Advent mit Ernst tun, dann können wir an Weihnachten umso froher singen:

Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen, / von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht / mitten im kalten Winter
wohl zu der halben Nacht.

(Gotteslob, Nr. 243)

Text: Pater Jose Vettikatte
Foto: © Kapuziner