Interview mit Bruder Marinus Parzinger: "Weihnachten ist das ganze Jahr über"

Nur jeder fünfte Deutsche hat für Weihnachten einen Gottesdienstbesuch fest eingeplant, selbst Kirchenmitglieder wollen mehrheitlich zu Hause bleiben, wie eine aktuelle Umfrage von INSA ergab. Wie begeistern die Kapuziner die Menschen für die Weihnachtsgeschichte? Ein Interview mit Provinzial Bruder Marinus Parzinger über die Kraft der Weihnachtsbotschaft und die Herausforderungen für die franziskanische Ordensgemeinschaft

Was in den allermeisten Familien an Weihnachten nicht fehlen darf, sind der geschmückte Baum und natürlich die Geschenke. Was darf bei Ihnen, Bruder Marinus, nicht fehlen?
Mir ist Zeit sehr wichtig. Trotz der Menge an Aufgaben, die mit Weihnachten verbunden sind, organisieren wir uns so, dass wir Zeit füreinander haben. Dafür müssen wir uns natürlich die Arbeit in der Gemeinschaft aufteilen: Wer schmückt den Baum? Wer stellt die Krippe auf? Wer kümmert sich ums Essen? Ich finde es sehr schön, dass jeder Bruder seinen Teil dazu beiträgt, trotz des Trubels an den Weihnachtstagen Zeit miteinander verbringen und gemeinsam dem Ereignis von Weihnachten nachgehen zu können. Es gibt Kraft, wenn man spürt: Ich bin Teil einer Gemeinschaft.

Dem Geheimnis von Weihnachten auf die Spur zu kommen, ist nicht leicht. Franz von Assisi – Ihr Ordensgründer – hat 1223 eine Weihnachtskrippe aufgestellt, um den Menschen zu zeigen, was damals in Bethlehem passiert ist. In dieser Krippe gab es zum ersten Mal echte Tiere. Wie begeistern die Kapuziner heute Menschen für die Weihnachtsgeschichte?
Natürlich gibt man sich an so einem Fest wie Weihnachten besonders Mühe. Wir versuchen, eine schöne Liturgie zu feiern, bei der die Sinne der Menschen angesprochen werden. Da muss kein lebendiger Ochs oder Esel in der Kirche stehen – es gibt auch viel drumherum, was ablenken könnte. Die Herausforderung heute ist: Wie krieg ich sie rüber, die Botschaft? Wenn wir in die Welt blicken, sehen wir so viele Krisen und Brandherde. Wie können wir angesichts dieser Probleme die Geburt Jesu so feiern, dass das nicht kitschig ist oder zu romantisch? Wie bringe ich am besten zum Ausdruck, welche Kraft in dieser Botschaft steckt: dass mit der Geburt Jesu Licht in das Dunkel der Welt kommt. Dass das nichts Historisches ist, was vorbei ist. Sondern dass das weiter wirkt. Wir Kapuziner versuchen, das, woran wir glauben, was wir den Menschen sagen und verkünden, auch selber zu leben. Deshalb gehört es für uns dazu, dass wir am Abend nach der Christmette auch Menschen, die sonst alleine wären, zu uns einladen. Es tut uns sehr gut, wenn wir Gäste haben, gerade auch an Weihnachten.

In einem Lied aus Haiti heißt es: „Jedes Mal, wenn die Not eines Unglücklichen gemildert wird, ist Weihnachten.“ Die Kapuziner gehen in besonderer Weise auf obdachlose Menschen zu, kümmern sich um Benachteiligte und Kranke. So gesehen sorgen die Kapuziner jeden Tag dafür, dass Weihnachten ist. Erinnern Sie sich an ein besonders prägendes Weihnachtsereignis?
Als ich Kaplan in der Pfarrei St. Joseph in München war, musste ich an Heiligabend die Kindermette vorbereiten und durchführen. Das war ein Riesentrubel mit all den vielen Familien und Kindern. Unmittelbar danach fand noch ein Treffen mit Obdachlosen und Bedürftigen statt. Es ist sehr schwer, an die Not dieser Menschen wirklich ranzukommen, sie sind oft zurückhaltend, sehr in sich gekehrt. Doch einer fragte mich bei diesem Treffen, ob er mal zu mir kommen könnte, um zu reden. „Freilich“, hab ich gesagt. Und tatsächlich kam er dann auch ein paar Tage danach zu mir. Ich finde es sehr, sehr berührend, wenn Menschen mit ihren Problemen zu mir kommen und mir ihr Vertrauen entgegenbringen. Wir Kapuziner wollen uns von der Not der Menschen herausfordern lassen und wir versuchen, diese Not zu lindern. Natürlich habe ich als Provinzial viele Verwaltungsaufgaben zu erledigen. Doch gerade deshalb ist mir der persönliche Kontakt, das Gespräch so wichtig: Wenn ein Mensch zu mir kommt, dann hat dieser Mensch Vorrang. Die Büroarbeit kann warten. Ich finde es wahnsinnig wichtig, konkret zu erfahren, wie die Menschen leben, wie es ihnen geht. Das hat auch stark mit Weihnachten zu tun: Gott ist in Jesus Mensch geworden. Der Mensch als solcher, als Abbild Gottes, hat eine Würde. Deshalb ist Weihnachten für mich ein Ereignis, das man nicht an ein paar Festtagen abhandeln kann, das ist etwas, was das ganze Jahr über gilt.

Die Kapuziner stehen vor einigen Herausforderungen: Sie haben in Deutschland einen hohen Altersdurchschnitt von fast 70 Jahren. In diesem Jahr haben Sie das Kloster in Rosenheim schließen müssen, Ende 2018 verlassen die Kapuziner Deggingen. Wie erleben Sie diese Herausforderungen?
Als Provinzial muss ich die Entscheidungen verantworten, kann aber auch Vieles gestalten. Ich war in diesem Jahr sehr viel unterwegs, ich war in Indien, in Albanien und in Indonesien. Das sind sehr kontrastreiche Erfahrungen für mich: In Asien beispielsweise gibt es ganz viele junge Brüder, dort besteht die Herausforderung darin, sie gut auszubilden. Wir in Deutschland haben wenige junge Brüder, aber wir hatten in diesem Jahr auch zwei Ewige Professen. Ich stelle unsere Herausforderungen nicht auf eine Ebene mit den Krisen weltweit, wo es Menschen sehr schlimm erwischt. Unsere Herausforderungen in Deutschland erscheinen vor diesem Hintergrund in einem ganz anderen Licht.

Sie blicken also zuversichtlich ins neue Jahr?
Wir müssen realistisch sein, aber keinesfalls pessimistisch. Ich erlebe durchaus deutliche Grenzen, wo ich sage: Ich weiß nicht, wie das gehen soll, wie wir da weiterkommen. Es gibt einfach Fakten, die sind da. Dann aber weiß ich und glaube ich, dass es nicht allein auf uns ankommt. Was mich sehr zuversichtlich stimmt: Es ist viel in Bewegung. Die einen empfinden das als negativ, als Verunsicherung. Ich sehe Dinge, die brechen weg, die gehen so einfach nicht mehr weiter. Das heißt aber auch, es öffnet sich ein Weg für Neues. Die Hochschule der Orden zum Beispiel ist so etwas Neues und eines der ganz spannenden Felder, wo wir Kapuziner aktuell dran sind. Ob wir mit unserer Initiative einer Hochschule in Berlin am Ende erfolgreich sein werden, weiß ich nicht. Aber allein die Kraft, die wir investieren, das Interesse, auf das wir stoßen – das ist bemerkenswert.

Interview: Beate Spindler
Foto: Monika Wagmann/Pressestelle Bistum Passau/Pfarrbriefservice.de