Interview mit Bruder Niklaus Kuster: „Nobody is perfect – auch kein Heiliger“

In seiner Biografie über den heiligen Konrad von Parzham wirft der Kapuziner Niklaus Kuster einen ganz eigenen Blick auf seinen Mitbruder. Im Interview erklärt der Schweizer Buchautor, welche Rolle uneheliche Kinder in der Familiengeschichte von Bruder Konrad spielten, was die Schwächen des Heiligen waren und warum ihn die Auseinandersetzung mit dem vor 200 Jahren als Johann Birndorfer geborenen Mitbruder glücklich gemacht hat.

Buchautor und Kapuziner Niklaus Kuster neben einer geschnitzten Bruder-Konrad-Figur in Altötting.

Über den heiligen Konrad von Parzham gibt es bereits zahlreiche Bücher. Wodurch unterscheidet sich die Biografie, die Sie über Ihren Mitbruder geschrieben haben?
Mein Buch schildert Vertrautes aus einer neuen Perspektive. In den bisherigen Schriften herrscht viel Lokalkolorit. Ein Autor, der wie ich – als Nichtbayer – von außen auf die Dinge schaut, sieht manches in einem anderen Zusammenhang.

Was zum Beispiel?
Konrads Familiengeschichte etwa. Alle drei Geschwister, die heiraten, haben schon vor der Ehe Kinder bekommen. Aber weder für Konrad noch für andere waren das Kinder der Sünde. Es war damals wichtig für Bauern, mit der Gewissheit heiraten zu können: Meine Braut kann Kinder bekommen. Wenn nicht, dann wäre das eine Katastrophe für einen Hoferben gewesen. Die katholischen Moralvorstellungen davon, wie Familienleben beginnen und wie es sich entwickeln sollte, waren offensichtlich auf dem Hof der Familie Birndorfer zweitrangig. Die Familie hat ein Christsein gelebt, das auf gute Art geerdet war.  

Was waren für Sie die besonderen Herausforderungen beim Schreiben des Buches?
Die deutschen Kapuziner kamen im Herbst 2016 auf mich zu mit dem Wunsch nach einer leicht verständlichen, kurzen und handlichen Biografie für den Schriftenstand in unseren Kirchen und Klöstern. Ich habe mich damals ein bisschen geschämt, weil ich von Bruder Konrad ganz, ganz wenig wusste und auch noch nie zuvor in Altötting war.

Wie haben Sie sich Bruder Konrad genähert?
Ich habe erst mal alle Biografien, die mir aus den vergangenen 40 Jahren greifbar waren, gelesen. Im September 2017 habe ich einen ganzen Monat in Altötting verbracht – in dieser Zeit entstand das Buch. Ich stöberte in Archiven, las Briefe, die Konrad geschrieben hatte, ließ mir Vieles von meinen Mitbrüdern hier in Altötting erklären und erzählen und sprach mit Einheimischen. Vor allem aber besuchte ich Konrads Lebensorte – ich wanderte auf den Wegen, auf denen er selbst unterwegs war. Auf diese Weise haben sich mir Zugänge zu seiner Lebenswelt erschlossen, die mich immer mehr faszinierte.

In vier Wochen ein Buch zu schreiben, das klingt nach einer sehr intensiven Zeit. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?   
Zunehmend glücklich! Konrads Wegen nachgehen, mich in seiner Lebenswelt umschauen, mit ihm ins Gespräch kommen: Das hat mich tiefer und tiefer berührt. Ich habe einen Bruder entdeckt und kennengelernt, der für mich lange Zeit im Schatten war. Ich habe gespürt: Sein Leben beginnt in meines zu sprechen. Auch wenn mein Kapuzinerleben meilenweit von seinem entfernt ist – Konrad war nie weiter als 70 Kilometer von seinem Geburtsort Parzham entfernt und lebte sehr sesshaft in einem ganz unspektakulären Alltag, ich reise durch halb Europa, bin nur wenige Tage im Monat in meinem Kloster in der Schweiz –, hindert mich das nicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Diese Gespräche halten Sie im Buch in Form von Briefen fest. Das Vorwort zum Beispiel haben Sie auf diese Weise gestaltet. Es ist offensichtlich, wie sehr Sie persönlich von Bruder Konrad beeindruckt sind. Was genau fasziniert Sie an ihm?
Konrad berührt mich in vielfältiger Weise! Ihm ist es gelungen, den schlichten Alltag tiefgründig und weitherzig zu leben. Er ist jedem, der an seiner Pforte angeklopft hat, aufmerksam begegnet. Egal, ob der Gast ihm gegenüber unflätig oder aufbrausend war: Er ist ihm mit derselben Liebe begegnet wie einem Gast, der ihm sympathisch war. Konrad lebte in diesem Bewusstsein: „Ich bin ein Sohn Gottes. Und dieser Mensch, der mir da begegnet, ist auch Sohn oder Tochter Gottes und Gott liebt auch diesen Menschen.“ Für mich ist das die eigentliche Wurzel bei Bruder Konrad: diese Liebe, die keinen Menschen fallen lässt.

Welchen Stellenwert hat Bruder Konrad in der franziskanischen Familie?
Wie er in der ganzen franziskanischen Familie wahrgenommen wird, weiß ich nicht. In Bezug auf uns Kapuziner kann ich sagen: Es ist wirklich beeindruckend, dass die ersten und auch die bekanntesten Heiligen in unserer Ordensgeschichte ganz einfache Brüder waren. Bettelbrüder oder wie in Konrads Fall: Pförtner. Es spricht ein bisschen für das Charisma der Kapuziner: Man muss nicht hochgelehrt sein, sondern das Entscheidende ist tatsächlich, den schlichten Alltag überzeugend zu leben. Und das haben einfache Brüder sehr viel anschaulicher geschafft als manche gelehrten Brüder im Orden.

Wodurch hat Bruder Konrad konkret überzeugt?
Er verbindet diese Menschenliebe, die ihn auszeichnet, auf beeindruckende Weise mit der von ihm empfundenen Gottesliebe. Wenn Kinder kommen, wenn er Brot verteilt, dann sagt er immer: „Es ist unser Himmelsvater, der uns das gibt. Nicht ich, nicht wir Brüder, nicht das Kloster schaut, dass es euch gutgeht. Es ist unser Himmelsvater – wir haben einen gemeinsamen Vater.“ Ich denke: Viele Menschen hat das wahrscheinlich tiefer berührt als die beste Predigt über das Vaterunser. Weil bei Konrad dieses „Unser Vater“ im Handeln und im Teilen, im Essen spürbar wird. Das ist eine ganz, ganz schlichte, aber sehr überzeugende Verkündigung. Konrad wird ja nicht unbedingt als großer Ratgeber verehrt, sondern als ein Mensch, der durch die Art, wie er einem begegnet, bereits Türen öffnet. Nicht nur die Klostertür, sondern auch die Tür zu sich selbst, zur eigenen Seele. Und da find ich ihn im doppelten Sinn einen guten Pförtner.

In Ihrem Buch setzen Sie sich auch kritisch mit Bruder Konrad auseinander. Worin sehen Sie seine größte Schwäche?  
Er achtet nicht so gut auf sich selbst, er schläft zu wenig und arbeitet immer wieder über seine Grenzen hinaus. Dass man sich selbst gegenüber achtsam ist, das hat Konrad nicht gelernt. Damals hat man Selbstlosigkeit gepredigt. Das ist heute zum Glück anders. In meiner Ordensausbildung hatte ich einen Lehrmeister, der immer allergisch geworden ist, wenn jemand einen selbstlosen Menschen gelobt hat. Er hat mir auf den Weg mitgegeben: „Wer selbstlos ist, ist bald einmal sich selber los.“ Wenn ich mich aber selber verliere, verliere ich letztlich auch das Gespür für mein Gegenüber. Auf die Frage, welches Gebot das Wichtigste sei, antwortet Jesus: „Liebe Gott mit all deinen Kräften, mit allem, was du hast.“ Ebenso wichtig für ihn ist aber auch: „Liebe den Nächsten wie dich selbst.“ Dieses „wie dich selbst“ heißt ja eigentlich „gleichwertig“ – ich kann einen anderen Menschen nur annehmen, wenn ich mich selber annehme, ich kann einem anderen nur Gutes tun, wenn ich mir selber gut bin. Die Achtsamkeit dem anderen gegenüber wurzelt immer in der Achtsamkeit, die man sich selbst schenkt.

Also sollte man sich in diesem Punkt Bruder Konrad besser nicht zum Vorbild nehmen?
Jeder Heilige ist ein Mensch. Und jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Die Schwächen eines Heiligen machen mir Mut, auch meine eigenen Schwächen anzunehmen und zu sagen: Ich muss nicht perfekt sein. Nobody is perfect – auch kein Heiliger. All jenen, die einen Hang zum Perfektionismus haben, tut es gut, bei den Heiligen auf die Schattenseiten zu sehen.

Welche Reaktionen haben Sie bislang auf Ihr Buch bekommen?
An meinem letzten Abend im September vergangenen Jahres, als ich mit dem Schreiben fertig war, habe ich in Altötting einen öffentlichen Vortrag gehalten. Im Publikum saßen ganz viele, die Bruder Konrad sehr gut kennen, praktisch schon seit ihrer Kindheit. Das war die Feuerprobe für mich. Ich, der Neuling, der Außenseiter, zeige den Vertrauten, den Einheimischen, was mir an Konrad aufgegangen ist. Die Reaktionen der Leute waren durchweg positiv. Es hat durchaus Ergänzungen gegeben, aber ich habe nirgends Widerspruch oder irgendeine Korrektur erfahren. Im Gegenteil, viele haben gesagt: „Sie haben Dinge gesehen, die wir so eigentlich noch nie gesehen haben.“ Oder: „Ich habe so viel Neues gehört, obwohl ich Bruder Konrad schon seit Jahrzehnten vor Augen habe.“

Inwiefern hat die intensive Begegnung mit Bruder Konrad Sie verändert?  
Ich habe das Buch in meinem Sabbatical geschrieben, das ist natürlich sowieso eine sehr dichte, sehr bewegende, auch reiche Zeit. Was die Schritte, die ich mit Konrad gegangen bin, bei mir alles ausgelöst haben, werde ich wohl erst mit der Zeit erfahren. Auf jeden Fall merke ich aber jetzt schon: Wenn ich an die Zukunft denke und damit rechnen muss, dass mein Leben irgendwann fokussierter wird, dass ich nicht mehr so viel unterwegs bin als wandernder Bildungsarbeiter, dann macht Konrad mir Mut: In seiner Art, den schlichten Alltag tiefgründig und weitherzig zu leben, steckt sehr viel Reichtum.

Interview: Beate Spindler
Foto: © Roswitha Dorfner, Altöttinger Liebfrauenbote, www.liebfrauenbote.de