„Man muss der Seele jetzt Raum geben“

Was macht in Zeiten der größten Not Hoffnung? In einem Interview mit EXTRA TIPP hat Bruder Paulus Terwitte über die Angst gesprochen, die viele Menschen angesichts der Corona-Krise spüren. Ein Gespräch mit dem Frankfurter Kapuziner über Umdenken, Solidarität und neue Freiheit

Br. Paulus Terwitte

Viel schneller als das Virus breitet sich zur Zeit eine oft diffuse Angst aus. Woher kommt das?
Br. Paulus: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Darum ist es so schwer, sich in den sozialen Kontakten einzuschränken. Machen wir uns nichts vor: Das hier ist jetzt mehr als ein Kampf gegen die explosive Vermehrungsrate des Virus. Aber es ist vor allem ein Kampf gegen unsere Gewohnheiten.

Nichts lässt sich schwerer ändern, als alte Gewohnheiten. Haben wir also den Kampf gegen die Angst schon verloren?
Br. Paulus: Wir haben jetzt die Chance, einen Notfall in einen Wettkampf der Solidarität zu verwandeln. Was immer schon zu Familien, Nachbarschaften und Vereinen gehörte, hat in den letzten Jahren vielleicht an Gewicht verloren. Jetzt können wir es wieder stark machen: Unser Bewusstsein der Verantwortung füreinander. Nicht mehr: „Ich habe Angst, mich anzustecken“ oder „Ich habe keine Angst, mich anzustecken“ – wer so denkt, hat nicht begriffen, um was es geht. Damit sich der Virus langsamer ausbreitet, lautet nun die hoffnungsvolle und freundliche Devise: „Ich bin derjenige, der die anderen schützt.“

Aber hilft das gegen die eigene Angst vor dem, was gerade da draußen geschieht?
Br. Paulus: Ich bin davon überzeugt. Ändern wir unsere Art zu sehen und zu denken. Vom Ich geht es jetzt aus dringendem Grund zum Du. Für jeden. Deswegen also: Keine trotzigen Grillpartys mit vielen Leuten! Keine Privatfeiern! Nicht leichtfertig reisen! Und das alles aus – sagen wir es offen – Nächstenliebe.
Das ist bei Gott nicht wenig von jedem verlangt. Wer dem Aufruf zur Solidarität folgt – und wir sollten uns gegenseitig dazu ermuntern – lebt seine Freiheit neu, erlebt neuen Sinn, gewinnt eine tiefe Zufriedenheit. Denn wer aus der gelebten Liebe zum Nächsten im Wettkampf der Solidarität auf Gewohnheiten verzichtet, hat zum Wohl aller auch für sich gewonnen.

Gibt es über den Perspektivwechsel hinaus noch etwas ganz konkretes, was Menschen tun können, um ihre Angst zu mildern?
Br. Paulus: Man muss der Seele jetzt Raum geben. Das funktioniert mit ein paar ganz einfachen Übungen:
1. Führen Sie Tagebuch! Schreiben Sie in wenigen oder vielen Sätzen auf, was ihnen durch den Kopf geht und was Sie auf dem Herzen haben. Was Sie aufgeschrieben haben, belastet sie nicht mehr so viel.
2. Wenn Sie stattdessen lieber malen: Nehmen Sie sich Wachskreide oder Buntstifte oder was auch immer und legen Sie eine Mappe an für Ihr tägliches Bild, was sie fast mit geschlossenen Augen aufs Papier werfen können.
3. Telefonieren Sie mehr. Werden Sie aktiv. Machen Sie einen Plan, wen Sie in den nächsten zehn Tagen wann anrufen wollen. Viele Menschen, gerade Ältere, die Großeltern oder Nachbarn, die kein Whatsapp, kein Facebook oder keine E-Mail haben, brauchen in dieser Zeit jemanden zum Reden. So ein Gespräch muss gar nicht lang sein, aber es gibt Mut, dem anderen und auch einem selbst, weil man in dieser dunklen Zeit etwas Gutes tut.

Text: Christian Reinartz / Extra Tipp
Foto: © Kiên Hoàng Lê
Redaktion: Beate Spindler

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Bruder Paulus zu Gast in der HR-Sendung „Hallo Hessen“ zum Thema: Was macht die Corona-Krise mit uns Menschen? Die Sendung vom 18. März 2020 können Sie hier anschauen