„Manchen fallen gerade jetzt ihre Sünden ein“

Im Advent sind auch die Kapuziner in besonderer Weise gefordert. Warum sie in der hektischen Vorweihnachtszeit ihren Mitmenschen besonders viel Aufmerksamkeit schenken und wie sich die Brüder selbst auf das Fest der Geburt Jesu Christi vorbereiten, erzählt Bruder Paulus Terwitte vom Frankfurter Liebfrauenkloster im Interview mit der Gießener Allgemeinen Zeitung

Bruder Paulus lebt und arbeitet im Liebfrauenkloster Frankfurt.

Weihnachten steht vor der Tür. Freuen Sie sich darauf?
Bruder Paulus: Auf jeden Fall. Ich feiere, dass Gott seine Welt nicht allein lässt. Mensch sein ist sinnvoll. Familie hat Zukunft. Frieden ist möglich. Mit Gottes Hilfe.

Kommen Sie und Ihre Brüder im Kapuzinerkloster und in Liebfrauen Frankfurt, der Kirche mitten in der Stadt, überhaupt noch zum Luftholen in dieser Zeit – oder haben Sie eher den Stress des Jahres? Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Bruder Paulus: Die Brüder lassen sich in den Gebetszeiten von den Impulsen der katholischen Liturgie inspirieren. Der Adventskranz und familiäre Zeiten dürfen natürlich auch nicht fehlen. Und was das Gewoge der Menschen rund um uns herum angeht: Es ist doch ganz schön und erstaunlich, wie Weihnachten Menschen zusammenbringt: und sei es am Glühweinstand.

Welche zusätzlichen Aufgaben gibt es?
Bruder Paulus: Wir haben eine erhöhte Bereitschaft, um für Menschen da zu sein, die diese Zeit als sehr schwer erleben. Manchen fallen gerade auch jetzt ihre Sünden ein, und mehr als sonst suchen sie Beistand im Beichtstuhl. Im Franziskustreff, dem Frühstücksangebot für obdachlose Menschen, merken wir die Spannungen, die in dieser Zeit in unseren Gästen entstehen. Und wir sind sehr dankbar für die vielen Zuwendungen, die unsere Arbeit mit den Armen ermöglichen.

Was ist anders in der Weihnachtszeit – was erleben Sie mit den Menschen?
Bruder Paulus: Die Menschen geben der Vergangenheit ein großes Gewicht. Da sind sie oft katholischer als die katholische Kirche, pflege ich zu scherzen. Aber im Ernst: Vielen fällt es sehr schwer, diese Zeit zu begehen, weil sie Vergangenes ins Heute holen wollen, und nicht die Chance ergreifen, mit den Möglichkeiten, die ihnen verblieben sind, Freude zu bereiten und nach vorne zu blicken.

Was wünschen Sie den Menschen zu Weihnachten?
Bruder Paulus: Freude am Fremden! Der Schöpfer der Welt wurde ein Fremder, damit alle, die je glaubten, sie besäßen Heimat und Religion und müssten sie gar verteidigen, demaskiert werden als hoffnungslose Trauerklöße. An Weihnachten lässt uns das Weltfamilienfest feiern: einen Gott. Eine Welt. Eine Menschheit. Eine Schöpfung. Und eine Heimat.

Interview: Annette Spiller / Gießener Allgemeine Zeitung
Foto: © Rubén Zarate
Redaktion: Beate Spindler