Interview mit Thomas M. Schied: "Ich spürte diese Sehnsucht nach geistigem Leben"

Ein freudiger Tag für die Deutsche Provinz der Kapuziner: Am 30. April wird Bruder Thomas Maria Schied zum Priester geweiht. Es ist die Weihe eines Spätberufenen, der auf Umwegen zu der franziskanischen Ordensgemeinschaft kam. Ein Gespräch mit dem 45-Jährigen über Sehnsüchte, Entscheidungen und dem Ankommen bei sich selbst.

Br. Thomas ist derzeit in München Diakon.

Wenige Tage vor dem großen Ereignis seiner Priesterweihe wirkt Bruder Thomas sehr entspannt. Er erzählt von der Feier der Erstkommunion, die am Wochenende im Münchner Pfarrverband Isarvorstadt stattfand, wo er seit einem Jahr als Diakon tätig ist. Vom Ausflug mit den Kommunionkindern, die er begleitet hat. Von Aufregung angesichts des bevorstehenden Weihesakraments, das er am 30. April um 15 Uhr in der Altöttinger Basilika St. Anna von Kardinal Seán Patrick O'Malley empfängt, keine Spur. Das Gespräch mit dem 45 Jahre alten Kapuziner ist angenehm unaufgeregt und vermittelt den Eindruck: Da sitzt einer, der in sich ruht. Der erfüllt ist, weil er nicht nur seine Aufgabe, sondern seinen Platz im Leben gefunden hat. Einer, der angekommen ist nach einer langen Reise.

Die Reise begann für Bruder Thomas im Dahner Felsenland in der Südwestpfalz, wo der rund 2000 Einwohner zählende Ort Bruchweiler-Bärenbach liegt, in dem er aufgewachsen ist. In einer Familie, in der "Religion nicht so eine große Rolle spielt", wie er selbst sagt. Die klassisch-christliche Sozialisierung mit regelmäßigem Besuch der Sonntagsmesse hat Bruder Thomas nicht erfahren – er stand nie als Ministrant in der Kirche.

Der Glaube ist Ihnen nicht in die Wiege gelegt worden. Wie kam Gott in Ihr Leben? Wann haben Sie gemerkt, dass der Glaube Ihnen wichtig ist?
Br. Thomas: Ich bin als Jugendlicher zu unserer Pfarrgemeinde dazugestoßen, im Zusammenhang mit meiner Firmvorbereitung. Dort habe ich Menschen kennengelernt, die authentisch ihren Glauben lebten. Als ich im Rahmen einer Jugendwallfahrt nach Assisi gekommen bin, habe ich die Figur des heiligen Franziskus kennengelernt. Franziskus und die Orte rund um Assisi, wo er gewirkt hat, haben mich sehr fasziniert und geprägt. Ich glaube, dass diese Wallfahrt auch ein bisschen meine Berufswahl beeinflusst hat.

Sie haben zunächst eine Ausbildung als Krankenpfleger gemacht und über zehn Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Was war ausschlaggebend für Ihren Ordenseintritt?
Br. Thomas: Ich bin immer wieder nach Assisi gereist und habe mich der franziskanischen Bewegung sehr verbunden gefühlt. Immer stärker habe ich dann gespürt, dass es in mir eine Sehnsucht gibt nach franziskanischem Ordensleben. Ich bin unwahrscheinlich gerne in Klöster gefahren, habe Franziskaner, Minoriten und Kapuziner kennengelernt. Irgendwann stand ich an dem Punkt, wo ich mir eingestehen musste: Wenn du dieser Sehnsucht nach geistigem Leben jetzt nicht auf den Grund gehst, wirst du dir immer wieder denken: Das wäre es vielleicht doch gewesen. Ich musste prüfen, ob das was für mich ist.

Und dann haben Sie 2009 bei den Kapuzinern angeklopft. Warum ausgerechnet dort?
Br. Thomas: Kapuziner leben einerseits in Gemeinschaft, pflegen klösterliche Formen, beten das Stundengebet. Kontemplation, also stille Zeiten, Gottsuche – das hat seinen festen Platz im Tagesverlauf. Andererseits wollen Kapuziner nahe bei den Menschen sein. Wir ziehen uns nicht zurück aus dem Leben anderer, sondern sind viel draußen unterwegs. In ganz unterschiedlichen Berufen begegnen wir unseren Mitmenschen. Diese Mischung hat mich letztlich überzeugt.

Bruder Thomas, der mit seinem Ordenseintritt den Zweitnamen "Maria"gewählt hat, begann seine Ordensausbildung bei den Kapuzinern in Salzburg. Nach dem Noviziat, also der Zeit, in der er seine Berufung zum Kapuziner prüfen und in die Brüdergemeinschaft hineinwachsen konnte, entschied sich der damals 37-Jährige zu bleiben. Eine Entscheidung, der eine weitere folgen sollte:

Wann stand für Sie fest, dass Sie Priester werden möchten?
Br. Thomas: Der Gedanke war schon in meinem Kopf, als ich bei den Kapuzinern angeklopft habe. Allerdings nur als vage Vorstellung. Wer in unseren Orden eintritt, der hat viele Möglichkeiten. Ein Mitbruder, der gemeinsam mit mir die Ewige Profess im vergangenen Jahr gefeiert hat, war Banker, bevor er zu den Kapuzinern kam. Im Orden hat er seine Leidenschaft fürs Kochen entdeckt und eine ordentliche Kochausbildung gemacht. Es gehört zu unserem Verständnis von "Gehorsam," dass wir miteinander aufs Leben schauen, miteinander nach den Talenten suchen. In vielen Gesprächen haben mich meine Mitbrüder darin bestärkt und bestätigt, den Weg des Priesters einzuschlagen.

Vom Krankenpfleger zum Ordensmann und Seelsorger: Wie schwer fiel Ihnen dieser Wechsel?
Br. Thomas: Nachdem ich seit über zehn Jahren bereits ein sehr selbstständiges Leben führte, eine eigene Wohnung hatte, mitten im Beruf stand, war die Entscheidung durchaus mit einem Ringen verbunden. Allerdings war diese Sehnsucht nach geistigem Leben so groß, dass ich einfach aufbrechen musste. Dass ich bei den Kapuzinern meinen Platz gefunden habe, genau dort angekommen bin, wo ich hingehöre, spürte ich schon nach kurzer Zeit. Das war ein unbeschreibliches Empfinden, das keinen Zweifel mehr zuließ. Heute bin ich übrigens sehr dankbar für die Erfahrungen als Krankenpfleger. In vielen seelsorgerlichen Dingen sind sie mindestens so wichtig für mich wie mein Studium.

Für den Spätberufenen, der zwar eine Ausbildung, aber kein Abitur hatte, erfolgte die Priesterausbildung im Studienhaus St. Lambert in Lantershofen. Mit Abschluss des Theologiestudiums trat Bruder Thomas sein Pastoralpraktikum in der Pfarrei Liebfrauen-Überwasser in Münster/Westfalen an. Im Mai 2017 legte er schließlich die Ewigen Ordensgelübde als Kapuziner ab und wurde einen Monat später zum Diakon geweiht.

Sie sind seit einem Jahr als Diakon im Münchner Pfarrverband Isarvorstadt tätig und haben währenddessen sicherlich schon einige praktische Erfahrungen in der Gemeindearbeit sammeln können. Wie sind Ihre Eindrücke?
Br. Thomas: Kurz nachdem ich in München als Diakon angefangen habe, saß ich in meinem Büro und dachte: "Mein Gott, ist das ein schöner Beruf, als Kapuziner in der Seelsorge tätig zu sein." Ich genieße die Arbeit in der Gemeinde tatsächlich sehr. Das schönste Erlebnis für mich als Seelsorger war bislang die Hochzeitsfeier, bei der ich zum ersten Mal das Sakrament der Ehe spenden durfte. Ich habe mich im Vorfeld oft mit dem Brautpaar getroffen. Durch die zahlreichen Gespräche haben wir uns sehr gut kennengelernt. Dadurch legten wir nicht nur den Grundstein für einen ganz persönlichen Wortgottesdienst am Hochzeitstag, es entstand auch eine Freundschaft zwischen uns. Die beiden werden auch zu meiner Priesterweihe kommen.

Mit welchem Anspruch wollen Sie als Seelsorger wirken? Was ist Ihnen besonders wichtig?
Br. Thomas: Ich will gemeinsam mit den Menschen unterwegs sein, auf gleicher Augenhöhe. Ich möchte für sie mit offenem Herzen und mit offenen Ohren da sein. Für mich bedeutet Priestersein, dass man sich in Dienst nehmen lässt. Ich bin da und bereit für den Dienst. Ich stelle mich zur Verfügung –  und die Verantwortlichen nehmen mich an zum Dienst an Gott und den Menschen.

Was bedeutet es für Sie, dass Kardinal O'Malley Ihnen das Weihesakrament spendet?
Br. Thomas: Ich freue mich, dass mich ein Kapuziner zum Priester weiht. Klar, O'Malley ist ein Kardinal, er gehört sogar zum engsten Beraterstab des Papstes. Aber er ist ganz und gar Kapuziner. Zugegeben: Ein bisschen entspannt es mich, dass er nicht wegen mir nach Altötting kommt, sondern wegen Bruder Konrad.

Ist Ihre Priesterweihe für Sie eher ein Abschluss oder ein Aufbruch?

Br. Thomas: Meine Ausbildung ist damit in gewisser Weise zwar abgeschlossen, aber tatsächlich fällt mit der Priesterweihe für mich eher ein Startschuss. Das ist ähnlich wie beim Führerschein: Wenn man die Prüfung macht, heißt es nicht, dass man ab jetzt fahren kann. Sondern dann heißt es, dass man ab jetzt fahren darf. Durch die Priesterweihe werde ich befähigt, bestimmte Dinge zu tun. Aber mit der Weihe kann man noch nicht alles, da muss man noch viel lernen.

Text: Beate Spindler
Foto: © Claudia Göpperl / Kapuziner