„Wo Gott eingelassen wird, schwindet die Angst – da tut sich Heimat auf“

Wie erlebt jemand den Advent und Weihnachten in der Fremde? Br. Sabu, Kapuziner aus Kerala (Indien), ist seit sechs Jahren in Deutschland und lebt derzeit im Kapuzinerkloster Liebfrauen, mitten in der Innenstadt von Frankfurt. Er erzählt hier von seinen Gefühlen zu Weihnachten.

Bruder Sabu aus Indien feiert Weihnachten seit sechs Jahren in Deutschland.

Zum sechsten Mal feiere ich jetzt Weihnachten in der Fremde. Weit weg von zu Hause, weit weg von dem Dorf in Südindien, in dem ich aufgewachsen bin.

In der Adventszeit werden Gefühle der Kindheit in mir wach: Gerüche. Bilder. Geräusche. Damit bin ich aber in bester Gesellschaft. Auch meine deutschen Mitbrüder erzählen in diesen Tagen von daheim und von früher, auch sie erinnern sich an die Mutter, den Vater.

Die Heilige Nacht – sie hat ihren eigenen Zauber. Als Kind wusste ich nicht sehr viel über die Bedeutung dieser Nacht, außer dass es der Geburtstag Jesu war, der so arm war, dass er kein anderes Bett hatte als eine Futterkrippe. So arm war er. Genauso arm, wie wir zu Hause.

In unserem Wohnraum wurde immer eine Weihnachtskrippe aufgebaut, mit ganz vielen blinkenden Lichtern. Sie würden es bestimmt kitschig nennen. Das macht nichts. Bei uns in Kerala gehört das dazu. Und zu dieser Heiligen Nacht gehörte auch immer der Kirchgang: Eltern, Nachbarn und wir Kinder machten uns auf zur Mitternachtsmesse. Ich sehe mich schlafend in der Kirche. Es war ja spät für uns Kinder und die Liturgie war lang. Es gab viele Gesänge. Und ich habe immer wieder verstohlen zur Krippe geschaut, zum Christkind.

Fast jedes Jahr hat sich mein Blick auf Weihnachten verändert

Diese Szene hat mich fasziniert. Dieser kleine Jesus, wie er in einer armseligen Krippe lag. Irgendwie erregte er meine Aufmerksamkeit. Er schien mir im Halbschlaf wie ein Verwandter.

Ich weiß, als Erwachsener sieht man die Dinge anders. Auch bei mir sind diese Erinnerungen lange her. Das Kind, der Jugendliche, der Student und jetzt der Priester … Fast jedes Jahr hat sich mein Blick auf Weihnachten verändert. Und seit sechs Jahren blicke ich nun in Deutschland auf die Krippe. Sie können sich vorstellen: Das hat den Blick noch einmal verändert. Hier schaue ich noch einmal anders in die Krippe.
Am Anfang war es schwer. In der Fremde. Und dann auch noch zu Weihnachten. Es war so ganz anders als daheim. Das habe ich nur schwer akzeptieren können. Ich habe meine Heimat lange sehr vermisst. Meine Eltern, Geschwister und Freunde. Ich fühlte mich fremd. Einsam. Trotz netter Mitbrüder, trotz netter Menschen hier.

„Menschen, die ihr wart, verloren“, heißt es in einem Weihnachtslied. Vielleicht meint das: Menschen, die ihr euch fremd fühlt, wertlos, klein: „Euch ist Gottes Sohn geboren, heut wird er den Menschen gleich.“ Für mich heißt das: Ja, er hat eure Farbe. Eines jeden Menschen Farbe. So wichtig sind wir ihm. Er spricht eure Sprache. Eines jeden Menschen Sprache. Sogar die Hirten verstehen ihn. So wichtig sind wir ihm. Er teilt eure Art zu leben. Er gibt sogar den Aussätzigen die Hand, und auch religiösen Fanatikern, die ja alle irgendwie zu uns gehören. Wer das erfährt, wer spürt, dass er angenommen ist, lernt neu zu leben. Er muss staunen, muss festgefahrene Überzeugungen überprüfen.

Zum sechsten Mal feiere ich jetzt Weihnachten in der Fremde. Möge diese Nacht uns neue Sicherheit geben in Gott. Möge diese Nacht unsere Herzen hell machen, auch wenn wir uns voreinander so fremd fühlen. Auch wenn wir im Stillen weinen, weil uns etwas fehlt, weil wir etwas Vertrautes vermissen: Unsere Herzen mögen in der Weihnachtsnacht den Glanz der Krippe aufnehmen. Denn wo Gott eingelassen wird, schwindet die Angst. Da tut sich Heimat auf. Der Himmel öffnet sich. Menschen finden zueinander. Und fürchten sich nicht.

Text: Bruder Sabu
Foto: Andrea Diefenbach
Redaktion: Beate Spindler