"Ein offener Horizont, der nicht alles festlegt"

Helmut Rakowski wurde 1962 in Mainz geboren und ist seit 1981 Kapuziner. Zurzeit lebt er mit fünf Mitbrüdern im Konvent in München. (Foto: Kiên Hoàng Lê)

 

Was bedeutet Heimat? Ein Gespräch über das Weiterziehen, das Ankommen und das Festhalten an Vertrautem. Mit dem Kapuziner Br. Helmut Rakowski.


Br. Helmut, wo sind Sie daheim?

Das ist keine einfache Frage für einen Ordensmann, denn ich bin in den vierzig Jahren meines Ordensleben schon fünfzehn Mal umgezogen. Für mich steht fest: Heimat ist nicht da, wo ich herkomme. Heimat ist vielmehr da, wo ich hingehe.

Ein Weg also.

Ich würde eher sagen: das Ziel. Heimat ist ein Ziel. Als gläubige Menschen gehen wir Gott entgegen.

Reden wir dann von einer Heimat, die als Gemeinschaft der Christen auf der Erde zu finden ist – oder eher von der Sehnsucht nach dem Paradies?

Das möchte ich so gar nicht beantworten. Für mich ist die Formulierung „Heimat ist ein Ziel“ ein Bild. Ein offener Horizont, der nicht alles festlegt. Dieses Bild vermittelt eine Zukunftsperspektive, die vielleicht im Diesseits ein Weg ist und im Jenseits vollendet wird.

Kann ein Kapuziner-Kloster und das Klosterleben eine Heimat sein?

Es gibt immer Wiedererkennungseffekte in den Klöstern, die einen ähnlich strukturierten Tagesablauf haben. Dort kann man sich relativ schnell zu Hause fühlen, da man die Regeln und Rituale kennt. Das gemeinsame Gebet zum Beispiel, das Gedenken an die verstorbenen Brüder jeden Mittag. Ich würde das Kloster dennoch nicht als Heimat bezeichnen, so wie manch anderer vielleicht das Haus, aus dem er stammt und in dem er lebt.

Wann haben Sie sich zum ersten Mal mit dem Thema „Heimat“ beschäftigt?

Das Thema begleitet mich schon eine Weile. Der erste große Anlass war mein Aufenthalt in Mexiko in einem Indígena-Dorf.  Ich und meine Mitbrüder wollten dort ankommen, dort zu Hause sein. Wir wollten die Kultur der Menschen teilen und mit ihnen leben. Zu Beginn habe ich große Freude über dieses Interesse gespürt. Doch nur bis zu einem gewissen Grad. Ab einem gewissen Punkt wurde uns deutlich gemacht: Du gehörst nicht hierher. Das geht Dich nichts an. Misch Dich nicht ein. Da habe ich zum ersten Mal erspürt, wie es ist, wenn man Ausländer ist, wenn man nicht dazugehört.

Wenn man dann zurück in die „alte Heimat“ kommt, mit neuen Erfahrungen, ist das auch schwierig?

Ja, das ist genau der Punkt. In der „alten Heimat“, wie Sie es nennen, habe ich mich auch nicht mehr zuhause gefühlt. Ich hatte andere Erfahrungen als die Menschen in der Heimat, hatte mich entwickelt und sah die Welt aus einer anderen Perspektive. Dieser Lebensstil kann auf eine gewisse Art heimatlos machen.

Zum Leben eines Kapuziners gehört das Weiterziehen. Wie schnell findet man eine neue Heimat?

Ich kann das eigentlich recht klar benennen: Es gab nach jedem Umzug immer irgendwann den Moment im Zug, an dem ich zum ersten Mal dachte: „Jetzt fährst Du heim“. Das braucht mindestens ein halbes Jahr.

Den Begriff „Heimat“ gibt es ja in vielen Sprachen überhaupt nicht.

Das ist in der Tat so und es zeigt, welch besondere Bedeutung die Heimat für die Deutschen hat. Wir schätzen den Begriff und ich schließe mich da nicht aus. Ich finde es wichtig, Fuß zu fassen, Kontakte zu knüpfen und irgendwo anzukommen. Das ist in der Tat ein Spannungsfeld für uns als Kapuziner.

Ist nicht die Idee hinter dem ständigen „Weiterziehen“ als Ordensbruder, gar nicht erst heimisch zu werden?

Ja, darum geht es. Wir als Kapuziner sollen nicht zu viel investieren. Uns nicht an materiellen Dinge festmachen an einem Ort, den man dann nicht mehr verlassen kann oder will. Wer Besitz hat, will diesen auch verteidigen. Der Heilige Franz von Assisi hat gesagt: „Wenn wir Besitz hätten, dann bräuchten wir auch Waffen, um diesen zu verteidigen.“ Und das ist in der Tat so und das erkenne ich auch bei mir: Es fällt nicht leicht, alles aufzugeben, neu anzufangen, beweglich zu bleiben.

Und was ist mit Beziehungen? Neben dem Vertrauten geht es ja auch um Vertrauen – etwa zu Mitmenschen.

Ja, und das ist immer wieder eine große Herausforderung. Wir als Kapuziner vertrauen aber nicht nur auf andere Menschen. Wir vertrauen vor allem auf Gott, wenn wir immer wieder aufbrechen und neu anfangen. Durch das immer wieder Loslassen fällt die Konzentration auf Gott leichter.

Was hätte Franz von Assisi vom Begriff „Heimat“ gehalten?

Eine schwierige Frage. Damals war die Welt noch kleiner. Ihn hat es aber immer herausgetrieben, weg von Assisi. Die Heimat, nach der er sich gesehnt hat, lag sicherlich bei Gott.

Br. Helmut, danke für das Gespräch!

Das Interview führte Tobias Rauser