"Viele haben ihre eigene Mitte verloren"

Bruder Pius (Jahrgang 1952) ist seit 1972 Kapuziner und wurde 1978 zum Priester geweiht. Er lebt und arbeitet im Kapuziner-Kloster in Zell am Harmersbach (Foto: Kiên Hoàng Lê)

 

Warum ist Stille wichtig? Wie kann ich in der Stille Gott erfahren? Ein Gespräch über die Gegenwart Gottes, den inneren Chor der Ängste und die Selbstfindung. Mit dem Kapuziner Br. Pius Kirchgessner.

 

Bruder Pius, wann trat die Stille in Ihr Leben?

Ich habe schon in meiner Kindheit Stille erleben dürfen, etwa als Ministrant bei der eucharistischen Anbetung. Heute ist die Stille Teil meines Lebens als Kapuziner. Vertieft habe ich das Ganze in der Ausbildung zum Exerzitienleiter vor dreißig Jahren. Exerzitien sind intensive und stille Übungen, die abseits des Alltags zur Begegnung mit Gott führen können. Seit dieser Zeit gehören die Stille und das Schweigen noch mehr und expliziter zu meiner Biographie.

Sie haben gesagt, „Gott ist ein Freund der Stille“. Warum?

Weil Gott in der Stille bei den Menschen ankommen kann. Das passiert nicht im Lauten, im Beschäftigten, im Sensationellen. Der Prophet Elija etwa erfährt Gott nicht im Erdbeben oder im Sturm, also in den gewalttätig großen Elementen. Sondern er nimmt Gott in der Stille wahr, im leise verschwebenden Schweigen. Dort hört er die Stimme Gottes.

Andere sagen, man spürt Gott eher dort, wo es laut, schrill und dreckig ist.

Das würde ich fast ausschließen. Natürlich kann man Gott überall begegnen, zum Beispiel in den Mitmenschen oder in der Natur. Aber der eigentliche Raum der Gottesbegegnung ist die Stille des Herzens. Das ist auch meine Erfahrung bei den Exerzitien.

„Gott in der Stille entdecken.“ Wenn man das noch nicht erlebt hat: Wie kann man sich das vorstellen?

Es ist ein Empfinden. Man spürt in diesen Momenten: Gott ist da, Gott ist gegenwärtig. Stille und Schweigen sind für mich die Voraussetzung, in Gottes Gegenwart zu verweilen. Um das zu spüren, reicht es natürlich nicht, einfach einen Schalter umzukippen und das Radio abzustellen. Dazu braucht es Zeit, Übung und Geduld.

Den Lärm in einem selbst kann man nicht einfach ausstellen.

Ja, das ist in der Tat so. Es geht um das In-sich-Hineinhören, auf die innere Stimme achten. Auch da ist ja viel Lärm, Gebrodel und ein schriller innerer Chor des Argwohns, der Ängste, des übertriebenen Ehrgeizes und des Misstrauens. Diesen Chor gilt es zu beruhigen. Zur Ruhe zu kommen. Und das braucht Zeit.

Stille kann auch negative Dinge empor tragen.

Natürlich. Das, was ich sonst wegschiebe und verdränge, holt Stille und Schweigen hervor. Menschen lenken sich ständig ab, fliehen in Agitation und Unterhaltung. Viele haben ihre eigene Mitte verloren. Es geht bei diesem Prozess deswegen vor allem darum, das „Ich“ still werden und zur Ruhe kommen zu lassen. Wenn sich Gelassenheit nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ausbreitet, dann gibt es eine Wahrnehmung und Erfahrung von und mit Gott. Dazu gehört wesentlich, auch innerlich stiller zu werden.

Wie schaffe ich das?

Erst einmal geht es um die äußere Stille. Wenn das klappt, kann man diese nach Innen führen und sich sammeln.

Wenn mir das gelungen ist, was passiert dann?

Stille ist die wesentliche Voraussetzung für ein aufmerksames Hören. Auf das Wort Gottes und auf die inneren Eingebungen. Stille und Schweigen helfen, das Wort Gottes zu hören und es wirklich in sich aufnehmen. Stille und Schweigen sind auch Nährboden für eine gesunde Selbstfindung.

Macht Stille eigentlich einsam, oder kann man in dieser auch Gemeinschaft erfahren?

Für mich persönlich macht Stille nicht einsam. Ich liebe die Stille, ich brauche sie. Und meine Erfahrung zeigt, dass Stille auch Gemeinschaft schaffen kann. Nicht selten sind, zum Beispiel bei Exerzitien, Schweigen und Stille ja gemeinschaftliche Erfahrungen. In diesen Fällen trägt die Stille und schafft Gemeinschaft. Man kann den anderen auch in der Stille kennenlernen. Bei uns in der Gemeinschaft hier im Kloster ist das so: Wir haben einmal pro Monat eine halbe Stunde gemeinsames Schweigen vor dem Allerheiligsten bei uns im Chor. Das ist immer eine sehr wohltuende Erfahrung für mich, die ich liebe. Von mir aus könnte das noch häufiger stattfinden.

Es gibt auch Orden, die in Sachen Stille und Kontemplation weiter gehen als die Kapuziner. Warum sind Sie Kapuziner geworden?

Das hat in meinem Fall ganz konkrete Gründe: Ich hatte einen Onkel, der Kapuziner war. Dieser hat mich in der Kindheit auf den Geschmack gebracht. Und der Grundsatz der „Vita mixta“, des gemischten Lebens, der die Kapuziner ausmacht, passt auch gut. Ich konnte bei den Kapuzinern eine gute Mischung realisieren: Auf der einen Seite die Kontemplation, auf der anderen Seite der Dienst am Mitmenschen. Ein reiner Schweigeorden wäre bei aller Liebe zur Stille dann auch nichts für mich.

Von Franziskus ist zum Thema Stille folgendes Zitat überliefert: „Wo die Stille mit dem Gedanken Gottes ist, da ist nicht Unruhe, noch Zerfahrenheit.“ Welche Rolle spielte die Stille in seinem Leben?

Sie zitieren da einen sehr schönen Satz, der mich berührt. Die Stille spielte eine sehr große Rolle im Leben von Franziskus. Er hat sich häufig auch zu längeren Ruhezeiten von den Brüdern zurückgezogen. Es gab viele Orte der Stille, die er immer wieder aufsuchte.

Bruder Pius, in Ihren Exerzitien treffen Sie auf sehr unterschiedliche Menschen. Warum suchen Menschen die Stille?

Immer wieder taucht in den Gesprächen das Bild vom Hamsterrad auf. Die Menschen fühlen sich eingespannt, sind gefordert und überfordert. Und dieser Trend nimmt definitiv zu. Diese Tretmühle – und damit verbunden Hast und Lärm, Zeitnot und ruhelose Betriebsamkeit – ist ein Zeichen unserer Zeit.

Zum Abschluss: Haben Sie einen Tipp für den Alltag?

Eine Möglichkeit ist, den Tag mit einem Gebet zu starten oder zu beschließen. Das muss nicht lang sein, aber es kann ein Anker sein. Eine andere Möglichkeit: Richten Sie sich eine Ecke in Ihrer Wohnung ein, mit einer Ikone, einer Kerze, einer Blume oder einer Bibel. Dort können Sie zur Ruhe kommen. Ohne Pensum oder bestimmtes Programm. Da muss es kein Gebet sein, denn es kommt nicht auf die Worte an. Nicht wer viele Worte spricht, wird erhört. Einfach verweilen, in aller Stille die Erfahrungen des Tages sammeln und vor Gott bringen. Mich ihm hinhalten. Das ist segensreich, heilt und stärkt. Stille hat eine unwahrscheinliche Kraft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Tobias Rauser