"Sich nicht gegen den Wandel wehren"

Norbert Schlenker wurde 1954 in Karlsruhe geboren. Er ist seit 1973 Kapuziner und seit 1980 Priester. Zurzeit leitet er den Kapuziner-Konvent in Altötting. (Bild: Kapuziner/Hoàng Lê)

Angst vor Veränderung? Oder birgt Wandel echte Chancen? Ein Gespräch über Vielfalt und Kommunikation, die Wandlungsfähigkeit von Kirche und Orden sowie einen Neubeginn. Mit dem Kapuziner Br. Norbert Schlenker.


Bruder Norbert, ist heute mehr Wandel als früher?

Es gab schon immer Veränderungen. Aber natürlich leben wir heute in einer schnelllebigen Zeit, was die Gesellschaft, die Kirche und das Zwischenmenschliche betrifft.

Ist das gut oder ist das schlecht?

Es hilft auf jeden Fall, beweglich zu bleiben. Und das ist für mich sehr wichtig als Mensch, nicht nur in Glaubensdingen. Wenn Menschen festgefahren und unbeweglich sind, dann wird es schnell langweilig. Das Leben lebt von Spannung. Aber natürlich gibt es auch eine Überforderung durch den schnellen Wandel.

Einen drastischen Wandel in seinem Leben hat Franz von Assisi vollzogen. Ist er darin ein Vorbild für Sie?

Auf jeden Fall. Er ist immer auf der Suche geblieben und hat allem Festgefahrenen immer eine Absage erteilt. Franz von Assisi hat es geschafft, bei Überforderung Aufgaben abzugeben. Er ist immer wieder neue Wege gegangen, hat sich mit anderen Religionen und Kulturen beschäftigt. Diese Aufbrüche hat er aus dem Evangelium abgeleitet.

Was bedeutet das ganz konkret für Sie?

Dass auch ich mich immer auf die Suche nach Neuem machen möchte.

Sehen Sie diese Suche auch in der Kirche?

Ich würde es so formulieren: Der Wille zu Veränderungen und zu neuen Wegen war vor fünfzig Jahren sicher stärker als heute. Da sehe ich noch viel Luft nach oben.

Wie kann die Kirche beweglich bleiben?

In der Kirche befassen wir uns viel zu viel mit Strukturen, Prozessen und Formalitäten. So kommen wir nicht weiter. Wandel in der Kirche muss ein geistiger Prozess sein. Veränderung beginnt da, wo jeder sich selbst verändert und am Evangelium orientiert.

Was heißt das konkret?

Ich wünsche mir Vielfalt. Ich wünsche mir Menschen, die miteinander im Gespräch sind. Ich kann mir auch vorstellen, dass Wandel durch kleinere, etwas homogenere Zellen geschieht. So wie bei uns im Orden. Hier sehe ich viel größere Chancen für eine Erneuerung.

Sie sind seit 46 Jahren Kapuziner. Wie hat sich der Orden gewandelt in dieser Zeit?

Ich habe zum Start einen großen Reformwillen erlebt. Und auch heute erlebe ich die Bereitschaft, unsere Art der Kommunikation, der Liturgie und des Miteinanders zu überdenken und zu verändern. Ich bin zufrieden mit der Wandlungsfähigkeit der Kapuziner und habe das Gefühl, dass wir gemeinsam und offen auf dem Weg sind.

Was wird für den Orden aus Ihrer Sicht die größte Veränderung in den nächsten Jahren?

Wir können als Kapuziner nur die Dinge tun, für die wir auch die passenden Brüder haben. Das bedeutet in Konsequenz, dass wir uns von manchem verabschieden müssen.

Sie haben ein bewegtes Leben als Ordensmann hinter sich, und haben oft den Ort und das Tätigkeitsfeld gewechselt. Das Kapuzinerleben ist auf Wandel ausgerichtet. Waren das schwierige Phasen in Ihrem Leben?

Ich sehe eigentlich gar nicht so viele Brüche in meinem Ordensleben. Natürlich habe ich viel gemacht und war an unterschiedlichen Orten in vielfältiger Position tätig. Die größte Veränderung war sicher der Umzug aus Frankfurt am Main ins beschaulich-oberbayerische Altötting und damit die Leitung des zweitgrößten Konventes in der Provinz. Das war ein Kulturschock, aber eher heilsam für mich, denn ich bin kein Großstadtmensch (lacht).

Sie hatten als Kapuziner viele Leitungspositionen inne und mussten mit Widerständen gegen Veränderungen umgehen. Woher rührt diese Skepsis dem Wandel gegenüber? Und wie sollen Führungskräfte damit umgehen?

Der Widerstand kommt von einer Festgefahrenheit und Unbeweglichkeit, die nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun hat. Nicht jeder mag Veränderungen. Das wichtigste ist aus meiner Erfahrung das persönliche Gespräch mit den Betroffenen. Nur so kann Akzeptanz für Wandel entstehen.

In Altötting haben Sie als Leiter eines Konventes die Schließung und Aufgabe eines Klosters begleiten und managen müssen.

Es geht, auch in der Kommunikation nach Innen und Außen, um einen realistischen Blick auf die Dinge. Es gab keine sinnvolle Alternative zu dieser Entscheidung, und so habe ich diese auch vertreten.

Dieser Aufbruch wird Sie Ende des Jahres an einen anderen Ort führen.

Nach acht Jahren ist ein Einschnitt sinnvoll. Es ist mein Wunsch, mich nochmal zu verändern. Wohin es geht? Das ist noch unklar. Erstmal nehme ich mir eine Auszeit und dann wird es einen neuen Ort und sicher wieder eine spannende Aufgabe für mich geben. Ich freue mich auf den Neubeginn.  

Zum Abschluss: Sie sind in Ihrem Leben als Kapuziner beweglich geblieben. Wie gelingt das, was ist Ihr Tipp?

Ich bleibe beweglich, wenn ich mich wirklich und mit voller Konsequenz auf meine Mitmenschen und meine Aufgaben einlasse. Es hilft ungemein, sich nicht gegen den Wandel zu wehren. Freunden Sie sich mit der Veränderung an und stellen Sie die positiven Seiten und die Chancen in den Vordergrund! Das hilft ungemein.

Bruder Norbert, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Tobias Rauser