Interview

FOTO: KAPUZINER/LÊMRICH

BR. Christophorus Goedereis

lei­tet als Pro­vin­zi­al seit 2019 die Deut­sche Kapuzinerprovinz.

20. April 2021

„Grüner, gerechter, entschleunigter und friedlicher“

In die­sem Jahr fei­ern die fran­zis­ka­ni­schen Orden ein beson­de­res Jubi­lä­um: Vor 800 Jah­ren kamen die ers­ten Min­der­brü­der aus Ita­li­en über die Alpen nach Deutsch­land. Ein Inter­view mit dem Kapu­zi­ner-Pro­vin­zi­al Chris­to­pho­rus Goe­der­eis über den Begriff Min­der­brü­der, beson­de­re Weg­mar­ken und die Zukunft der Orden.

Bru­der Chris­to­pho­rus, kön­nen Sie uns den Begriff „Min­der­brü­der“ und „Bet­tel­or­den“ etwas erläutern?

Der Begriff Min­der­brü­der hängt mit der mit­tel­al­ter­li­chen Stän­de­ord­nung zusam­men. Da gab es die maio­res, also die Grö­ße­ren wie Adel, Kle­rus und rei­che Kauf­leu­te, und die mino­res, also die Klei­ne­ren und Min­de­ren wie ein­fa­che Leu­te, Bau­ern, Bett­ler. Fran­zis­kus hat das latei­ni­sche Wort minor gewählt, um damit die am Evan­ge­li­um ori­en­tier­te Aus­rich­tung sei­ner Gemein­schaft zum Aus­druck brin­gen. Der Begriff „Bet­tel­or­den“ hängt damit zusam­men, ist aber sehr miss­ver­ständ­lich. Er bedeu­tet nicht, dass die Min­der­brü­der vom Bet­teln leben sol­len. Der hei­li­ge Fran­zis­kus sagt viel­mehr: „Die Brü­der sol­len von ihrer Hän­de Arbeit leben, und wenn das nicht aus­reicht, dann sol­len sie zum ‚Tisch des Herrn‘ Zuflucht neh­men.“ Mit ‚Tisch des Herrn‘ ist der Tisch Got­tes und damit die Almo­sen gemeint – aber eben erst dann, wenn nach geta­ner Arbeit der Lohn ausbleibt.

Was unter­schei­det die drei fran­zis­ka­ni­schen Orden in Deutsch­land, die Mino­ri­ten, die Fran­zis­ka­ner und die Kapu­zi­ner voneinander?

Die Min­der­brü­der waren von Anfang an in ste­ti­ger Bewe­gung und Ver­än­de­rung. Aus der klei­nen Grup­pe des Anfangs ent­wi­ckel­te sich schon zu Leb­zei­ten des hei­li­gen Fran­zis­kus ein gro­ßer Orden von meh­re­ren Tau­send Brü­dern. Das brach­te kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen über die inne­re Aus­rich­tung sowie die äuße­re Orga­ni­sa­ti­on mit sich – und führ­te im Lau­fe der Geschich­te zu zahl­rei­chen Abspal­tun­gen und Refor­men. Die Mino­ri­ten (hier klingt das mino­res an) lie­ßen sich bereits im 13. Jahr­hun­dert in den gro­ßen Städ­ten nie­der, bau­ten gro­ße Kon­ven­te und gli­chen sich den alten Orden der Bene­dik­ti­ner und Zis­ter­zi­en­ser an. Daher erhiel­ten sie auch den Bei­na­men Konventualen.

Der fran­zis­ka­ni­sche Orden lebt in ste­ti­ger Transformation.

Als Gegen­be­we­gung ent­stan­den seit dem 14. Jahr­hun­dert die Obser­van­ten, die wie­der zu den ursprüng­li­chen Idea­len des Grün­ders zurück­keh­ren woll­ten. Als auch die­ses Feu­er wie­der sei­ne Kraft ver­lor, gin­gen 1528 aus den Obser­van­ten die Kapu­zi­ner her­vor. Sie beton­ten wie­der neu das Leben in den Ein­sie­de­lei­en, die Armut sowie die Sor­ge um die Pest­kran­ken. Ihnen wird auch eine beson­de­re Nähe zum ein­fa­chen Volk nach­ge­sagt. Die Obser­van­ten wur­den erst 1898 mit ande­ren Reform­be­we­gun­gen zusam­men­ge­schlos­sen und hei­ßen seit­her in Deutsch­land Fran­zis­ka­ner. Zum Zeit­punkt der jewei­li­gen Reform waren die Unter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Zwei­gen natür­lich mar­kant aus­ge­prägt, vor allem was die fran­zis­ka­ni­sche Armut betrifft. Im 21. Jahr­hun­dert sind die drei Zwei­ge bezüg­lich ihrer jewei­li­gen Tätig­kei­ten und Schwer­punk­te sowie bezüg­lich ihres Lebens­stils von außen kaum mehr zu unterscheiden.

800 Jah­re Min­der­brü­der in Deutsch­land, das ist eine stol­ze Zahl, ein fast unüber­blick­ba­rer Zeit­raum. War es eher „ein lan­ger ruhi­ger Fluss“ – oder wür­den Sie eini­ge Weg­mar­ken ganz beson­ders her­aus­grei­fen wollen?

„Ruhi­ge Flüs­se“ gibt es weder in der Kir­chen­ge­schich­te noch in der Ordens­ge­schich­te. Die 800 Jah­re waren eine beweg­te Zeit. Klei­nes Bei­spiel: in der Zeit der Refor­ma­ti­on tra­ten vie­le Kon­ven­te der Mino­ri­ten geschlos­sen zum Pro­tes­tan­tis­mus über. Die Kapu­zi­ner hin­ge­gen ent­stan­den genau in jener Epo­che als inner-katho­li­sche Erneue­rungs­be­we­gung. Oder neh­men wir das Zeit­al­ter der Säku­la­ri­sa­ti­on, als nahe­zu alle Orden in Deutsch­land ihre Klös­ter ver­las­sen muss­ten: da ent­sand­ten vie­le fran­zis­ka­ni­sche Orden ihre Mit­glie­der in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, um dort neue Ordens­pro­vin­zen auf­zu­bau­en. Der fran­zis­ka­ni­sche Orden lebt in ste­ti­ger Trans­for­ma­ti­on. Viel­leicht wird in eini­gen Jahr­zehn­ten aus den drei Zwei­gen wie­der der eine Orden der Min­der­brü­der, wer weiß das schon?

Stich­wort Weg­mar­ken: Rund ein­hun­dert Jah­re nach dem Ein­tref­fen der ers­ten Min­der­brü­der wüte­te die Pest in Euro­pa, ande­re Seu­chen folg­ten – und heu­te Covid-19. Oft waren damit Epo­chen­wech­sel ver­bun­den. Ste­hen wir heu­te wie­der vor einer neu­en Epo­che? Was wird sie kennzeichnen?

Ich glau­be, dass wir auch unab­hän­gig von Coro­na mit­ten in einem Epo­chen­wech­sel ste­hen. Die gro­ßen The­men der Mensch­heit kom­men durch die Pan­de­mie nur um so deut­li­cher zum Vor­schein. Ich nen­ne hier nur ein paar Stich­wor­te: Kli­ma­kri­se, Migra­ti­on, Gerech­tig­keit und Frie­den unter den Völ­kern, Dia­log der Welt­re­li­gio­nen, die Wer­te- und Sinn­fra­ge sowie die schlei­chen­de Erkennt­nis, dass unge­brems­tes Wachs­tum nicht der Sinn die­ses Pla­ne­ten sein kann. Die­se Fra­gen sind aber auch zutiefst auch ur-fran­zis­ka­ni­sche The­men – und for­dern uns fran­zis­ka­ni­sche Men­schen auf neue Wei­se her­aus. Wie die neue Epo­che aus­se­hen wird, weiß ich natür­lich auch nicht. Ich hof­fe: grü­ner, gerech­ter, ent­schleu­nig­ter und friedlicher.

Wo wür­den uns nie­der­las­sen, um wen wür­den wir uns kümmern?

Was pla­nen die Kapu­zi­ner, die Mino­ri­ten und Fran­zis­ka­ner für die­ses beson­de­re Jubi­lä­ums­jahr? Was lässt sich trotz Coro­na-Pan­de­mie rea­li­sie­ren – oder was muss gera­de des­we­gen getan wer­den, wel­che Zei­chen wol­len sie setzen?

Was Coro­na zulässt, bleibt abzu­war­ten. Der Ers­te Orden plant ein inter­fran­zis­ka­ni­sches Jubi­lä­ums­fest in Würz­burg. In Augs­burg, wo die Min­der­brü­der vor 800 Jah­ren anka­men, gibt es eine öku­me­ni­sche Fest­wo­che. Ein paar Publi­ka­tio­nen sind auch vor­ge­se­hen. Und der Baye­ri­sche Rund­funk will einen Film zum The­ma dre­hen. Mich selbst bewegt die Fra­ge: Wenn die Min­der­brü­der heu­te im Jahr 2021 zum ers­ten Mal nach Deutsch­land kämen und hier noch kei­ne Tra­di­ti­on hät­ten: Wo wür­den wir  uns nie­der­las­sen, um wen wür­den wir uns küm­mern, wel­che Schwer­punk­te wür­den wir set­zen, wie und wovon wür­den wir leben?

Vie­le Orden muss­ten in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten Nie­der­las­sun­gen schlie­ßen, auch in Alt­öt­ting ver­las­sen die Kapu­zi­ner das Klos­ter St. Mag­da­le­na. Es fehlt an Nach­wuchs – wie an Beru­fun­gen all­ge­mein in der Kir­che. War­um scheint Ordens­le­ben heu­te so wenig Anzie­hungs­kraft auszuüben?

Das hat vie­ler­lei Grün­de. In den nord­west­eu­ro­päi­schen Gesell­schaf­ten liegt das The­ma Reli­gi­on und Glau­be der­zeit nicht gera­de oben­auf. Die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung spielt eine Rol­le, eben­so die soge­nann­te Bin­dungs­un­fä­hig­keit des post-moder­nen Men­schen. Aber auch der Image­ver­lust von Kir­che und insti­tu­tio­nel­ler Reli­gi­on ist nicht zu unterschätzen.

In der Heils­ge­schich­te Got­tes wird die fran­zis­ka­ni­sche Idee und Lebens­wei­se immer ihren Platz haben.

Bli­cken Sie trotz des der­zei­ti­gen Rück­gangs der Brü­der­ge­mein­schaf­ten oder gera­de wegen des schon 800 Jah­re andau­ern­den Ordens­le­bens opti­mis­tisch in die Zukunft? Was gibt Ihnen Hoffnung?

Opti­mis­mus ist kei­ne Fra­ge von Nach­wuchs­zah­len. Die Ver­hei­ßung Jesu heißt, dass das Reich Got­tes wächst. Sogar ohne unser Zutun. Nur wächst es anders und lang­sa­mer, als wir das ger­ne hät­ten. Aber es wächst. Außer­dem glau­ben wir als Chris­ten an die Heils­ge­schich­te Got­tes mit den Men­schen und mit der Welt. Aber auch die ver­läuft nun mal nicht als „ruhi­ger Fluss“, son­dern eher als ein Strom, der sich immer wie­der neue Ver­läu­fe und Durch­brü­che suchen muss – selbst wenn es zwi­schen­durch mal so aus­se­hen soll­te, als dass nur noch ein Rinn­sal vor­han­den wäre. In der Heils­ge­schich­te Got­tes wird auch die fran­zis­ka­ni­sche Idee und Lebens­wei­se immer ihren Platz haben. Daher kann ich gar nicht anders, als opti­mis­tisch zu sein.

Vie­len Dank für das Gespräch!

Das Inter­view führ­te Wolf­gang Ter­hörst vom Lieb­frau­en­bo­ten.

 

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