Interview
Bruder Helmut Rakowski

Foto: Kapuziner/Kiên Hoàng Lê

BR. Helmut Rakowski

wur­de 1962 in Mainz gebo­ren und ist seit 1981 Kapu­zi­ner. Zur­zeit lebt er mit fünf Mit­brü­dern im Kon­vent in München.

24. Sep­tem­ber 2020

„Ein offener Horizont, der nicht alles festlegt“

Was bedeu­tet Hei­mat? Ein Gespräch über das regel­mä­ßi­ge Wei­ter­zie­hen, das schwie­ri­ge Ankom­men und das Fest­hal­ten an Ver­trau­tem. Mit dem Kapu­zi­ner Br. Hel­mut Rakowski.

Bru­der Hel­mut, wo sind Sie daheim?

Das ist kei­ne ein­fa­che Fra­ge für einen Ordens­mann, denn ich bin in den vier­zig Jah­ren mei­nes Ordens­le­ben schon fünf­zehn Mal umge­zo­gen. Für mich steht fest: Hei­mat ist nicht da, wo ich her­kom­me. Hei­mat ist viel­mehr da, wo ich hingehe.

Ein Weg also.

Ich wür­de eher sagen: das Ziel. Hei­mat ist ein Ziel. Als gläu­bi­ge Men­schen gehen wir Gott entgegen.

Reden wir dann von einer Hei­mat, die als Gemein­schaft der Chris­ten auf der Erde zu fin­den ist – oder eher von der Sehn­sucht nach dem Paradies?

Das möch­te ich so gar nicht beant­wor­ten. Für mich ist die For­mu­lie­rung „Hei­mat ist ein Ziel“ ein Bild. Ein offe­ner Hori­zont, der nicht alles fest­legt. Die­ses Bild ver­mit­telt eine Zukunfts­per­spek­ti­ve, die viel­leicht im Dies­seits ein Weg ist und im Jen­seits voll­endet wird.

Kann ein Kapu­zi­ner-Klos­ter und das Klos­ter­le­ben eine Hei­mat sein?

Es gibt immer Wie­der­erken­nungs­ef­fek­te in den Klös­tern, die einen ähn­lich struk­tu­rier­ten Tages­ab­lauf haben. Dort kann man sich rela­tiv schnell zu Hau­se füh­len, da man die Regeln und Ritua­le kennt. Das gemein­sa­me Gebet zum Bei­spiel, das Geden­ken an die ver­stor­be­nen Brü­der jeden Mit­tag. Ich wür­de das Klos­ter den­noch nicht als Hei­mat bezeich­nen, so wie manch ande­rer viel­leicht das Haus, aus dem er stammt und in dem er lebt.

Wann haben Sie sich zum ers­ten Mal mit dem The­ma „Hei­mat“ beschäftigt?

Das The­ma beglei­tet mich schon eine Wei­le. Der ers­te gro­ße Anlass war mein Auf­ent­halt in Mexi­ko in einem Indí­ge­na-Dorf. Ich und mei­ne Mit­brü­der woll­ten dort ankom­men, dort zu Hau­se sein. Wir woll­ten die Kul­tur der Men­schen tei­len und mit ihnen leben. Zu Beginn habe ich gro­ße Freu­de über die­ses Inter­es­se gespürt. Doch nur bis zu einem gewis­sen Grad. Ab einem gewis­sen Punkt wur­de uns deut­lich gemacht: Du gehörst nicht hier­her. Das geht Dich nichts an. Misch Dich nicht ein. Da habe ich zum ers­ten Mal erspürt, wie es ist, wenn man Aus­län­der ist, wenn man nicht dazugehört.

Wenn man dann zurück in die „alte Hei­mat“ kommt, mit neu­en Erfah­run­gen, ist das auch schwierig?

Ja, das ist genau der Punkt. In der „alten Hei­mat“, wie Sie es nen­nen, habe ich mich auch nicht mehr zuhau­se gefühlt. Ich hat­te ande­re Erfah­run­gen als die Men­schen in der Hei­mat, hat­te mich ent­wi­ckelt und sah die Welt aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve. Die­ser Lebens­stil kann auf eine gewis­se Art hei­mat­los machen.

Zum Leben eines Kapu­zi­ners gehört das Wei­ter­zie­hen. Wie schnell fin­det man eine neue Heimat?

Ich kann das eigent­lich recht klar benen­nen: Es gab nach jedem Umzug immer irgend­wann den Moment im Zug, an dem ich zum ers­ten Mal dach­te: „Jetzt fährst Du heim“. Das braucht min­des­tens ein hal­bes Jahr.

Den Begriff „Hei­mat“ gibt es ja in vie­len Spra­chen über­haupt nicht.

Das ist in der Tat so und es zeigt, welch beson­de­re Bedeu­tung die Hei­mat für die Deut­schen hat. Wir schät­zen den Begriff und ich schlie­ße mich da nicht aus. Ich fin­de es wich­tig, Fuß zu fas­sen, Kon­tak­te zu knüp­fen und irgend­wo anzu­kom­men. Das ist in der Tat ein Span­nungs­feld für uns als Kapuziner.

Die Hei­mat, nach der sich Franz von Assi­si gesehnt hat, lag sicher­lich bei Gott.“

Ist nicht die Idee hin­ter dem stän­di­gen „Wei­ter­zie­hen“ als Ordens­bru­der, gar nicht erst hei­misch zu werden?

Ja, dar­um geht es. Wir als Kapu­zi­ner sol­len nicht zu viel inves­tie­ren. Uns nicht an mate­ri­el­len Din­ge fest­ma­chen an einem Ort, den man dann nicht mehr ver­las­sen kann oder will. Wer Besitz hat, will die­sen auch ver­tei­di­gen. Der Hei­li­ge Franz von Assi­si hat gesagt: „Wenn wir Besitz hät­ten, dann bräuch­ten wir auch Waf­fen, um die­sen zu ver­tei­di­gen.“ Und das ist in der Tat so und das erken­ne ich auch bei mir: Es fällt nicht leicht, alles auf­zu­ge­ben, neu anzu­fan­gen, beweg­lich zu bleiben.

Und was ist mit Bezie­hun­gen? Neben dem Ver­trau­ten geht es ja auch um Ver­trau­en – etwa zu Mitmenschen.

Ja, und das ist immer wie­der eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. Wir als Kapu­zi­ner ver­trau­en aber nicht nur auf ande­re Men­schen. Wir ver­trau­en vor allem auf Gott, wenn wir immer wie­der auf­bre­chen und neu anfan­gen. Durch das immer wie­der Los­las­sen fällt die Kon­zen­tra­ti­on auf Gott leichter.

Was hät­te Franz von Assi­si vom Begriff „Hei­mat“ gehalten?

Eine schwie­ri­ge Fra­ge. Damals war die Welt noch klei­ner. Ihn hat es aber immer her­aus­ge­trie­ben, weg von Assi­si. Die Hei­mat, nach der er sich gesehnt hat, lag sicher­lich bei Gott.

Br. Hel­mut, dan­ke für das Gespräch!

Das Inter­view führ­te Tobi­as Rauser

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