Interview
Paulus Terwitte

Bild: Kapuziner/Hoàng Lê

BR. Paulus Terwitte

wur­de 1959 gebo­ren und trat 1978 dem Kapu­zi­ner­or­den bei. Zur­zeit lebt er im Kapu­zi­ner­ko­vent in Frank­furt am Main.

27. Janu­ar 2021

„Meine Macht ist die Würde, die in mir liegt“

Was bedeu­tet Macht? Wie kann ich die­se gut in der Bezie­hung zu ande­ren ein­set­zen? Hat die Kir­che ein Macht­pro­blem? Ein Gespräch über die Bevoll­mäch­ti­gung durch Gott, Cha­rak­ter­köp­fe im Orden und Macht­lo­sig­keit in der Kri­se. Mit dem Kapu­zi­ner Br. Pau­lus Terwitte.

Bru­der Pau­lus, ist Macht gut oder schlecht?

Macht ist ein Hilfs­in­stru­ment. Das ist wie bei einem Mes­ser. Man kann Men­schen damit hei­len oder töten.

Was ver­bin­den Sie per­sön­lich mit dem Wort Macht?

Ich ver­bin­de damit den Begriff „Voll­macht“. Ich bin von Gott bevoll­mäch­tigt. Mei­ne Macht ist die Wür­de, die in mir liegt. Ich will die Wür­de von ande­ren respek­tie­ren und mit ande­ren in Reso­nanz kom­men. Wenn ich dabei die Wür­de ande­rer ver­let­ze, dann miss­brau­che ich mei­ne Macht.

Sind Sie, Bru­der Pau­lus, mächtig?

Ja, das wür­de ich schon sagen. Ich bin mäch­tig als Mensch, ein­fach so, weil ich da bin. Und dann habe ich Fähig­kei­ten, die mir hel­fen bei mei­nen Auf­ga­ben in der Welt. Ich kann gut reden ohne ein Papier in der Hand zu hal­ten, druck­fä­hig for­mu­lie­ren, habe eine für ande­re ange­neh­me Stim­me. Ande­re kön­nen Bil­der malen, ande­re schwei­gen. Jeder Mensch ist mächtig.

Macht soll­te zum Men­schen hin­füh­ren und ihm sei­ne Macht bewusst machen. Das ver­su­che ich. Ich den­ke und hof­fe, dass Jesus das genau­so gese­hen hätte.

Das ist nicht alles, denn dazu kommt eine Medi­en­macht. Bru­der Pau­lus ist eine Mar­ke. Bru­der Pau­lus bloggt, gibt Inter­views, hat einen Pod­cast und tau­sen­de Fol­lower bei Face­book, Twit­ter oder Insta­gram. Die Bild-Zei­tung berich­tet auch mal über eine erfolg­rei­che Diät, Sie hat­ten frü­her eine Fern­seh­sen­dung bei SAT1. Heu­te gestal­ten Sie erfolg­reich den ZDF-Fernsehgottesdienst.

Ja, natür­lich. Ein ZDF-Fern­seh­got­tes­dienst hat eine Mil­li­on Zuschau­er. Aber das ist nicht nur mein Ver­dienst, son­dern ein Zusam­men­spiel von ech­ten Pro­fis. Man hört mir zu, das ist mir bewusst. Aber bei aller Freu­de dar­über: Die Kir­che soll sich um Seel­sor­ge küm­mern und nicht anfan­gen, Zähl­sor­ge zu betrei­ben. Macht soll­te zum Men­schen hin­füh­ren und ihm sei­ne Macht bewusst machen. Das ver­su­che ich. Ich den­ke und hof­fe, dass Jesus das genau­so gese­hen hätte.

Kein biss­chen Eitel­keit, kein Schau­en nach Ein­schalt­quo­ten oder Followerzahlen?

Doch, natür­lich bin auch ich eitel. Wenn sich nach einem Fern­seh­got­tes­dienst sehr viel mehr Feed­back kommt, füh­le ich mich gebauch­pin­selt. Aber ich kann hier auch klar und deut­lich sagen: Ich brau­che das nicht, um glück­lich zu sein.

Sind Sie schon ein­mal über sich selbst erschro­cken gewe­sen, was das Feh­len von Sta­tus und Bedeu­tung angeht?

Es ist schön, wenn man ein­ge­la­den wird. Wenn man um sei­ne Ein­schät­zung und Mei­nung gefragt wird. In der Coro­na-Zeit habe ich ler­nen müs­sen, dass fast alles aus­ge­fal­len ist. So rich­tig wich­tig und sys­tem­re­le­vant, wie ich manch­mal viel­leicht glau­ben woll­te, bin ich nicht. Aber sol­che Gedan­ken kann ich schnell mit einem Lächeln weg­wi­schen, sie bedeu­ten mir nicht viel.

Sind Ihre Ordens­brü­der bei den Kapu­zi­nern eigent­lich nei­disch auf Ihre Medienmacht?

Die Kapu­zi­ner sind eine Trup­pe, in der sich auch Cha­rak­ter­köp­fe wohl füh­len kön­nen. Ich woll­te 1978 unbe­dingt Kapu­zi­ner wer­den – und nichts ande­res. Hier konn­te ich jemand sein, der auch mal her­aus­sticht. Ich habe nie – und das kann sich wirk­lich aus vol­lem Her­zen sagen – Neid erlebt. Die Brü­der begeg­nen mir mit Wohl­wol­len. Dafür bin ich dank­bar und schät­ze das sehr.

Irgend­wann ver­liert man Macht wie­der, ob frei­wil­lig oder unfreiwillig.

Das ist in der Tat ein span­nen­der Punkt, auch für mich. Ich habe ent­schie­den, mit 60 in den Vor­ru­he­stand zu gehen und mich nach und nach von insti­tu­tio­nel­len Ver­ant­wor­tun­gen zurück­zu­zie­hen. Ich wer­de ja älter und ver­lie­re damit auch Macht über mei­nen Kör­per und die Gesund­heit. Das möch­te ich wahr­neh­men und ernstnehmen.

Der Abschied von der Macht ist gar nicht so furcht­bar. Jesus hat zu Petrus gesagt: Wenn Du alt bist, wird dich jemand füh­ren. Dar­auf ver­traue ich.

Wie lernt man, Macht abzugeben?

Mein Tipp wäre: Ana­ly­sie­ren Sie die Situa­ti­on, in der Sie schon ein­mal macht­los waren. Etwa als ich im Kran­ken­haus lag. Oder als das ers­te Kind kam und ich die Macht über die Zeit für mich ver­lo­ren habe. Aus allem ent­steht Neu­es und Gutes. Wenn man sich das klar macht, ist der Abschied von der Macht gar nicht so furcht­bar. Jesus hat zu Petrus gesagt: Wenn Du alt bist, wird dich jemand füh­ren. Dar­auf ver­traue ich.

Bru­der Pau­lus, beim The­ma „Macht“ kommt man an der Kir­che nicht vor­bei. Vie­le Pro­ble­me haben mit Macht, Hier­ar­chien und wenig trans­pa­ren­ter Macht­aus­übung in der Insti­tu­ti­on zu tun. Wäre das auch Ihre Analyse?

Nicht ganz. Ich den­ke, dass das Macht­pro­blem der Kir­che eher bei den Lai­en liegt. Schon als Pries­ter habe ich mich gefragt, war­um sich nicht jeder Christ als Krea­tiv­agen­tur des Hei­li­gen Geis­tes sieht? Ein Christ muss nicht war­ten, bis ihm der Pries­ter irgend­et­was erlaubt. Er ist bevoll­mäch­tigt, ein lie­ben­der Mensch zu sein und angst­frei zu leben.

Dass sich vie­le Lai­en dazu nicht bevoll­mäch­tigt sehen, hat ja aber doch mit der Insti­tu­ti­on Kir­che zu tun.

Das stimmt. Den­noch blei­be ich dabei: Die Frei­heit eines Chris­ten­men­schen ist groß und unab­hän­gig von der Insti­tu­ti­on. Das soll­te jeder so leben. Natür­lich weiß ich um die Insti­tu­ti­on Kir­che und die Zwän­ge durch die Macht des Fak­ti­schen. Ich sage es auch klipp und klar: Wir müs­sen weg­kom­men von der Macht der Tra­di­ti­on. Wir müs­sen eine Ideen­schmie­de wer­den. Krea­tiv und angst­frei. Ich bin opti­mis­tisch, dass uns das gelin­gen wird. Das erle­be ich hier jeden Tag in Frank­furt am Main an der Lieb­frau­en­kir­che und bei uns im Kapuzinerkloster.

Vie­le Men­schen stel­len sich beson­ders in der Coro­na-Kri­se eine ent­schei­den­de Fra­ge: Was ist mit der All­macht Got­tes? Stel­len Sie sich die­se Fra­ge auch? Oder anders gefragt: Was hat die­se Zeit der Macht­lo­sig­keit mit Bru­der Pau­lus gemacht?

Eine sol­che Kri­se haben vie­le noch nicht erlebt, auch ich nicht. Bis wir das ver­ar­bei­tet haben, wird es noch dau­ern. Die­se Kri­se befragt auch mich: Auf wen set­ze ich eigent­lich mei­ne Hoff­nung? Mein Gebets­le­ben hat sich in den letz­ten Mona­ten ver­än­dert, es geht um die Fra­ge: Kann ich mich Dir und Dei­ner für­sor­gen­den Macht wirk­lich anver­trau­en, Gott? Wir sind alle betrof­fen, wir sind gefähr­det. Das macht etwas mit mir. Ich bin zuneh­mend ohn­mäch­tig und rat­los und fra­ge mich, wie ich das alles noch lan­ge durch­al­ten soll. Natür­lich stel­len wir uns die Fra­ge der Macht Got­tes schon seit Jahr­hun­der­ten. Aber sie wur­de sel­ten so drän­gend und aktu­ell gestellt, auch von mir.

Bru­der Pau­lus, vie­len Dank für das Gespräch!

Das Inter­view führ­te Tobi­as Rauser

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