Interview
Marinus Parzinger

FOTO: KAPU­ZI­NER

BR. MARINUS PARZINGER

wur­de 1963 in Frei­las­sing gebo­ren. Der Kapu­zi­ner und Pries­ter ist seit 1987 Kapu­zi­ner und lebt in Altötting.

18. Dezem­ber 2020

„Ohne Zweifel geht es nicht“

Ist Zwei­fel ein Freund oder ein Feind des Glau­bens? Wie gehe ich mit mei­nen und frem­den Zwei­feln um? Ein Gespräch über die Kon­fron­ta­ti­on mit der Rea­li­tät, die Güte Got­tes und per­sön­li­che Ohn­macht. Mit dem Kapu­zi­ner Mari­nus Parzinger.

Bru­der Mari­nus, zwei­feln Sie manch­mal an der Exis­tenz Gottes?

Ich habe noch nie grund­sätz­lich und radi­kal an Got­tes Exis­tenz gezwei­felt. Aller­dings stel­le ich mir immer wie­der die Fra­ge, wie Gott denn so ist und wie er wirkt? Wenn ich Men­schen sehe, denen es sehr schlecht geht, dann stel­le ich mir schon die Fra­ge: Wo ist Gott in die­ser Situa­ti­on? Da kann ich mich sehr gut in Men­schen hin­ein­ver­set­zen, wenn sie kla­gen und zweifeln.

Set­zen Sie aktiv mit Zweif­lern und Zwei­feln auseinander?

Auf jeden Fall. Ich habe mich bei­spiels­wei­se im Stu­di­um mit Nietz­sche befasst. Ich habe kei­ne Angst, mich mit die­sen The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. Aber die Befas­sung mit dem Zwei­fel darf auch kein Selbst­zweck sein. Als jun­ger Stu­dent hat mich ein­mal Dozent bei die­sem Drang aus­ge­bremst mit dem Hin­weis: „Bis Sie das lesen, wür­de ich noch etwas war­ten.“ Da war ich sehr über­rascht. Aber viel­leicht lag der Dozent von damals rich­tig: Es gibt gute und schlech­te Zeit­punk­te, sich mit Zwei­feln zu beschäftigen.

Gibt es kon­kre­te Situa­tio­nen, in der Sie mit sich und Gott gerun­gen haben?

Es geht weni­ger um die Fra­ge nach der Exis­tenz Got­tes, son­dern ich zweif­le eher an mei­nem Umgang mit und mei­nem per­sön­li­chen Zugang zu bestimm­ten The­men, die an mich her­an­ge­tra­gen wer­den. Oft bin ich nicht zufrie­den und kom­me ins Zwei­feln. Nach Gesprä­chen mit Men­schen oder Brü­dern fra­ge ich mich oft: War mei­ne Reak­ti­on, mein Rat rich­tig? Bei die­sen Zwei­feln hilft mir Gott: Wenn ich etwa in einem Beicht­ge­spräch kei­ne Ant­wort weiß, dann bete ich zum ihm. Ich hole mir Hil­fe von Gott. Ich weiß sehr oft kei­nen Rat und Gott ist mir dann nahe.

Ist Gott gütig?

Ich zweif­le nicht an der Güte Got­tes. Aber mir ist auch klar, wie die­se Fra­ge ent­steht. Ich wer­de oft gefragt, wie gütig denn ein Gott sein kann, der sei­nen Sohn am Kreuz hän­gend ster­ben lässt. Ich suche hier nach ver­ständ­li­chen Ant­wor­ten und nicht nach theo­lo­gi­schen Ausbreitungen.

Suchen Sie die Ant­wor­ten auch für sich?

Ja, natür­lich. Das, was ich pre­di­ge, das sind auch Ant­wor­ten auf die Fra­gen, die ich mir stel­le. Ich lese Din­ge, die mich beschäf­ti­gen. Oft ange­regt durch Situa­tio­nen oder von Fra­gen, die mir gestellt wer­den. Nicht immer ken­ne ich eine adäqua­te Ant­wort und füh­le mich ohn­mäch­tig. Dann ver­su­che ich, mich durch Lek­tü­re und Gebet den rich­ti­gen Ant­wor­ten zu nähern.

Ist Zwei­fel für Sie ein Freund oder Feind des Glaubens?

Ohne Zwei­fel geht es nicht, auch nicht in der Theo­lo­gie. Das sehen wir heu­te stär­ker denn je, vor allem beim The­ma Miss­brauch. Wer frü­her eine Fra­ge gestellt hat, der wur­de als ungläu­bi­ger Tho­mas abge­stem­pelt. Kir­che muss ein Ort sein, in dem man sich Chris­tus nähert. Und da darf man Zweif­ler nicht aus­gren­zen. Es gibt ein Buch mit dem Titel: Wer glaubt, fragt. Und es ist ja auch vie­les frag­wür­dig. Für mich stel­len Glau­be und Zwei­fel kei­nen Gegen­satz dar.

Gilt die­ser Satz immer?

Nein. Ich hät­te Angst, wenn alles weg­rutscht, wenn die Basis ver­lo­ren geht. Alles in Fra­ge zu stel­len, kann auch gefähr­lich sein. Etwas Gewiss­heit brau­che ich. Wenn die da ist, dann kann der Zwei­fel mich antrei­ben und zu einem neu­en, viel­leicht weni­ger kind­li­chen Glau­ben führen.

Sie haben als Pries­ter eine beson­de­re Rol­le bei der Ver­mitt­lung des Glaubens.

Für mich ist vor allem wich­tig, demü­tig und rea­lis­tisch zu blei­ben. Ich saß als jun­ger Mensch manch­mal in der Kir­che und habe bei der Pre­digt eini­ger älte­rer Brü­der gedacht: Was sind das für Phra­sen und hoh­le Sprü­che? Wo ist der Bezug zum Leben? Passt das zum Leben der Leu­te, die da in der Kir­che sit­zen und zuhö­ren? Es darf nicht abge­ho­ben wer­den. Wir dür­fen als Pries­ter nicht zu selbst­si­cher sein, dass wir immer schon die rich­ti­ge Ant­wort haben.

Im Gebet des Hei­li­gen Fran­zis­kus heißt es: „Herr, mach mich zu einem Werk­zeug dei­nes Frie­dens, dass ich Glau­ben brin­ge, wo Zwei­fel droht.“ Wie geht das?

Ich kann den Glau­ben nicht in ein Paket packen und das dann über­ge­ben. Was ich kann, ist mei­nen Glau­ben bezeu­gen. Mit jeman­dem beten. Dem ande­ren zei­gen oder signa­li­sie­ren, dass ihn das, was er da gra­de denkt, nicht ins Abseits stellt. Vie­le den­ken ja, sie hät­ten etwas falsch gemacht oder wür­den bestraft. Schmer­zen und Angst sind Teil des Lebens, auch wenn wir es ger­ne ruhi­ger hätten.

Wie hat sich Ihr Umgang mit Zwei­fel im Lau­fe des Lebens verändert?

Im Stu­di­um haben mich vie­le The­men inter­es­siert, aber es wur­de sel­ten kon­kret. Ich war nicht direkt mit Men­schen kon­fron­tiert. Das ist unter­halt­sam, aber reicht nicht aus. Es wird rea­lis­ti­scher, wenn man im Leben steht. Da lernt man im Umgang mit Men­schen aus der Gemein­de, dass man nicht alles bewer­ten und ein­fach beant­wor­ten kann. Sol­che Begeg­nun­gen haben mich berei­chert und auch beschei­de­ner gemacht.

Sie haben vor vie­len Jah­ren mit dem ewi­gen Gelüb­de eine Ent­schei­dung für das Leben im Kapu­zi­ner-Orden auf ewig getrof­fen. Zwei­feln Sie manch­mal daran?

Ich habe mei­ne Ent­schei­dung, die in ers­ter Linie ja Jesus gilt, nie bereut. Sie hat mein Leben berei­chert. Natür­lich es gibt immer Momen­te, in denen ich zu zwei­feln begin­ne: an der Gemein­schaft oder an den Auf­ga­ben, die mir anver­traut sind. Nie­mand kann bei einer Ent­schei­dung vor­her­se­hen, was pas­siert. Wer weiß, ob man sich nicht doch irgend­wann nach einer Bezie­hung oder einer Fami­lie sehnt? Eine Frau trifft, mit der man unter ande­ren Umstän­den eine Bezie­hung begon­nen hät­te? Die­se Aus­ein­an­der­set­zun­gen sind aus mei­ner Sicht nor­mal. Sie gehö­ren dazu. Dadurch und auch durch die Her­aus­for­de­run­gen, vor die mich mei­ne Gemein­schaft stellt, kann ich mich weiterentwickeln.

Bru­der Mari­nus, vie­len Dank für das Gespräch!

Das Inter­view führ­te Tobi­as Rauser

 

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