Interviews
Pius Kirchgessner

FOTO: KAPU­ZI­NER

BR. PIUS KIRCHGESSER

ist seit 1972 Kapu­zi­ner und wur­de 1978 zum Pries­ter geweiht. Er lebt und arbei­tet im Kapu­zi­ner-Klos­ter in Zell am Harmersbach. 

19. Febru­ar 2021

„Viele haben ihre eigene Mitte verloren“

WAR­UM IST STIL­LE WICH­TIG? WIE KANN ICH IN DER STIL­LE GOTT ERFAH­REN? EIN GESPRÄCH ÜBER DIE GEGEN­WART GOT­TES, DEN INNE­REN CHOR DER ÄNGS­TE UND DIE SELBST­FIN­DUNG. MIT DEM KAPU­ZI­NER BR. PIUS KIRCHGESSNER.

Bru­der Pius, wann trat die Stil­le in Ihr Leben?
Ich habe schon in mei­ner Kind­heit Stil­le erle­ben dür­fen, etwa als Minis­trant bei der eucha­ris­ti­schen Anbe­tung. Heu­te ist die Stil­le Teil mei­nes Lebens als Kapu­zi­ner. Ver­tieft habe ich das Gan­ze in der Aus­bil­dung zum Exer­zi­ti­en­lei­ter vor drei­ßig Jah­ren. Exer­zi­ti­en sind inten­si­ve und stil­le Übun­gen, die abseits des All­tags zur Begeg­nung mit Gott füh­ren kön­nen. Seit die­ser Zeit gehö­ren die Stil­le und das Schwei­gen noch mehr und expli­zi­ter zu mei­ner Biographie.

Sie haben gesagt, „Gott ist ein Freund der Stil­le“. Warum?
Weil Gott in der Stil­le bei den Men­schen ankom­men kann. Das pas­siert nicht im Lau­ten, im Beschäf­tig­ten, im Sen­sa­tio­nel­len. Der Pro­phet Eli­ja etwa erfährt Gott nicht im Erd­be­ben oder im Sturm, also in den gewalt­tä­tig gro­ßen Ele­men­ten. Son­dern er nimmt Gott in der Stil­le wahr, im lei­se ver­schwe­ben­den Schwei­gen. Dort hört er die Stim­me Gottes.

Ande­re sagen, man spürt Gott eher dort, wo es laut, schrill und dre­ckig ist.
Das wür­de ich fast aus­schlie­ßen. Natür­lich kann man Gott über­all begeg­nen, zum Bei­spiel in den Mit­men­schen oder in der Natur. Aber der eigent­li­che Raum der Got­tes­be­geg­nung ist die Stil­le des Her­zens. Das ist auch mei­ne Erfah­rung bei den Exerzitien.

„Gott in der Stil­le ent­de­cken.“ Wenn man das noch nicht erlebt hat: Wie kann man sich das vorstellen?
Es ist ein Emp­fin­den. Man spürt in die­sen Momen­ten: Gott ist da, Gott ist gegen­wär­tig. Stil­le und Schwei­gen sind für mich die Vor­aus­set­zung, in Got­tes Gegen­wart zu ver­wei­len. Um das zu spü­ren, reicht es natür­lich nicht, ein­fach einen Schal­ter umzu­kip­pen und das Radio abzu­stel­len. Dazu braucht es Zeit, Übung und Geduld.

Den Lärm in einem selbst kann man nicht ein­fach ausstellen.
Ja, das ist in der Tat so. Es geht um das In-sich-Hin­ein­hö­ren, auf die inne­re Stim­me ach­ten. Auch da ist ja viel Lärm, Gebro­del und ein schril­ler inne­rer Chor des Arg­wohns, der Ängs­te, des über­trie­be­nen Ehr­gei­zes und des Miss­trau­ens. Die­sen Chor gilt es zu beru­hi­gen. Zur Ruhe zu kom­men. Und das braucht Zeit.

Stil­le kann auch nega­ti­ve Din­ge empor tragen.
Natür­lich. Das, was ich sonst weg­schie­be und ver­drän­ge, holt Stil­le und Schwei­gen her­vor. Men­schen len­ken sich stän­dig ab, flie­hen in Agi­ta­ti­on und Unter­hal­tung. Vie­le haben ihre eige­ne Mit­te ver­lo­ren. Es geht bei die­sem Pro­zess des­we­gen vor allem dar­um, das „Ich“ still wer­den und zur Ruhe kom­men zu las­sen. Wenn sich Gelas­sen­heit nicht nur äußer­lich, son­dern auch inner­lich aus­brei­tet, dann gibt es eine Wahr­neh­mung und Erfah­rung von und mit Gott. Dazu gehört wesent­lich, auch inner­lich stil­ler zu werden.

Stil­le und Schwei­gen hel­fen, das Wort Got­tes zu hören und es wirk­lich in sich auf­neh­men. Stil­le und Schwei­gen sind auch Nähr­bo­den für eine gesun­de Selbstfindung.“

Wie schaf­fe ich das?
Erst ein­mal geht es um die äuße­re Stil­le. Wenn das klappt, kann man die­se nach Innen füh­ren und sich sammeln.

Wenn mir das gelun­gen ist, was pas­siert dann?
Stil­le ist die wesent­li­che Vor­aus­set­zung für ein auf­merk­sa­mes Hören. Auf das Wort Got­tes und auf die inne­ren Ein­ge­bun­gen. Stil­le und Schwei­gen hel­fen, das Wort Got­tes zu hören und es wirk­lich in sich auf­neh­men. Stil­le und Schwei­gen sind auch Nähr­bo­den für eine gesun­de Selbstfindung.

Macht Stil­le eigent­lich ein­sam, oder kann man in die­ser auch Gemein­schaft erfahren?
Für mich per­sön­lich macht Stil­le nicht ein­sam. Ich lie­be die Stil­le, ich brau­che sie. Und mei­ne Erfah­rung zeigt, dass Stil­le auch Gemein­schaft schaf­fen kann. Nicht sel­ten sind, zum Bei­spiel bei Exer­zi­ti­en, Schwei­gen und Stil­le ja gemein­schaft­li­che Erfah­run­gen. In die­sen Fäl­len trägt die Stil­le und schafft Gemein­schaft. Man kann den ande­ren auch in der Stil­le ken­nen­ler­nen. Bei uns in der Gemein­schaft hier im Klos­ter ist das so: Wir haben ein­mal pro Monat eine hal­be Stun­de gemein­sa­mes Schwei­gen vor dem Aller­hei­ligs­ten bei uns im Chor. Das ist immer eine sehr wohl­tu­en­de Erfah­rung für mich, die ich lie­be. Von mir aus könn­te das noch häu­fi­ger stattfinden.

Es gibt auch Orden, die in Sachen Stil­le und Kon­tem­pla­ti­on wei­ter gehen als die Kapu­zi­ner. War­um sind Sie Kapu­zi­ner geworden?
Das hat in mei­nem Fall ganz kon­kre­te Grün­de: Ich hat­te einen Onkel, der Kapu­zi­ner war. Die­ser hat mich in der Kind­heit auf den Geschmack gebracht. Und der Grund­satz der „Vita mix­ta“, des gemisch­ten Lebens, der die Kapu­zi­ner aus­macht, passt auch gut. Ich konn­te bei den Kapu­zi­nern eine gute Mischung rea­li­sie­ren: Auf der einen Sei­te die Kon­tem­pla­ti­on, auf der ande­ren Sei­te der Dienst am Mit­men­schen. Ein rei­ner Schwei­geor­den wäre bei aller Lie­be zur Stil­le dann auch nichts für mich.

Von Fran­zis­kus ist zum The­ma Stil­le fol­gen­des Zitat über­lie­fert: „Wo die Stil­le mit dem Gedan­ken Got­tes ist, da ist nicht Unru­he, noch Zer­fah­ren­heit.“ Wel­che Rol­le spiel­te die Stil­le in sei­nem Leben?
Sie zitie­ren da einen sehr schö­nen Satz, der mich berührt. Die Stil­le spiel­te eine sehr gro­ße Rol­le im Leben von Fran­zis­kus. Er hat sich häu­fig auch zu län­ge­ren Ruhe­zei­ten von den Brü­dern zurück­ge­zo­gen. Es gab vie­le Orte der Stil­le, die er immer wie­der aufsuchte.

Bru­der Pius, in Ihren Exer­zi­ti­en tref­fen Sie auf sehr unter­schied­li­che Men­schen. War­um suchen Men­schen die Stille?
Immer wie­der taucht in den Gesprä­chen das Bild vom Hams­ter­rad auf. Die Men­schen füh­len sich ein­ge­spannt, sind gefor­dert und über­for­dert. Und die­ser Trend nimmt defi­ni­tiv zu. Die­se Tret­müh­le – und damit ver­bun­den Hast und Lärm, Zeit­not und ruhe­lo­se Betrieb­sam­keit – ist ein Zei­chen unse­rer Zeit.

Zum Abschluss: Haben Sie einen Tipp für den Alltag?
Eine Mög­lich­keit ist, den Tag mit einem Gebet zu star­ten oder zu beschlie­ßen. Das muss nicht lang sein, aber es kann ein Anker sein. Eine ande­re Mög­lich­keit: Rich­ten Sie sich eine Ecke in Ihrer Woh­nung ein, mit einer Iko­ne, einer Ker­ze, einer Blu­me oder einer Bibel. Dort kön­nen Sie zur Ruhe kom­men. Ohne Pen­sum oder bestimm­tes Pro­gramm. Da muss es kein Gebet sein, denn es kommt nicht auf die Wor­te an. Nicht wer vie­le Wor­te spricht, wird erhört. Ein­fach ver­wei­len, in aller Stil­le die Erfah­run­gen des Tages sam­meln und vor Gott brin­gen. Mich ihm hin­hal­ten. Das ist segens­reich, heilt und stärkt. Stil­le hat eine unwahr­schein­li­che Kraft.

Vie­len Dank für das Gespräch!
Das Inter­view führ­te Tobi­as Rauser

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